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ANNUS ALBARUTHENICUS/ÃÎÄ ÁÅËÀÐÓÑʲ N* 2 / 2001 ã.

Nadseja Artymowitsch

GEDICHTE

I. Aus: „Der stille Himmel wandert fort” („àäïëûâàå ñïàêîéíàå íåáà”), Białystok 2000 

***
Den Fortreisenden

es gibt einen Zeitpunkt vor der Abreise
da wird herausgetreten aus langem Schweigen
in die Ruhe
der Himmel verändert sich nicht
du gehst
die Stimme der Straße mischt sich mit dem roten Ampellicht
Kaffee und Zigaretten sind ohne Geschmack
ein kurzes Wort zu den Fremden beim Aufstehen vom Tisch
es bedeutet nichts mehr
du gehst in eine andere Straße
der Asphalt ist rein
die Füße sind wie geknickte Blumen
du willst eine einzige Route finden
wenn es so eine Route auch nicht gibt
und einen anderen Weg einschlagen
du möchtest deinen eigenen Schatten bewahren auch wenn du weißt
der eigene Schatten – das bist nicht du
du weißt sehr wohl wie man die Erinnerung aus weißen Ziegeln erbauen
und in Schauspieleraugen lesen muß
du weißt sehr wohl wie man das Auge schließen muß
wenn man noch eine Schwelle zu überschreiten hat

es gibt so einen Zeitpunkt vor der Abreise

***
du zernagst mit dem Gehör
mit dem Auge
dem Wort
deine Erde

in der mütterlichen Quelle – 
deine Träume
und dein Leben

es gibt ein Haus
wo Tod und Frühling sind

weiße Zahlen spielen
über dir
unter dir

breitet sich Schweigen aus

es jagt es jagt das grüne Pferd
die Tränke
mit einem schwarzen Kreuz

wie nur alle Pfade überqueren
zur mütterlichen Quelle

der fremde Tag ist starr in Schuld
die Nacht regt sich nicht

dein Gedanke
hängt am mütterlichen Apfelbaum ...


***
Wort
Wie schwer dich zu finden
In diesem Stimmengewirr
Stumpft das Gehör ab ...

Wenn aber das Wort zu dir kommt
Flüstere es so leise du kannst

Denn in diesem Stimmengewirr
Stumpft das Gehör ab ...

***
nach jedem Tag der Fragezeichen
warten wir auf das nächtliche Wort
und ersinnen hundert verschiedene Wörter
für dieses eine
für den Irrtum der zurückgelegten Wege

mit gefährlicher Eile
suchen wir nach Opium für die kranken Seelen
suchen wir dort wo keine Herzen sind

die erhaschte Illusion ist unsere Wahrheit
so wie jede Wahrheit Illusion ist

mit unvollendetem Monolog
mit bezauberndem Schweigen
irren wir durch unsere stillen todbringenden Korridore
spielen das Ein-Mann-Theater
vor uns selbst

ewige Monodramen mit einem zerbrochenen Krug
als Requisit

***

Dies gibt es
in meinem täglichen ersten Wort
und auch in den fernen Straßen.
Dies gibt es
in den nächtlichen Omnibussen
und auch im Frühlingsregen.
Dies gibt es
im Aufgang und Untergang der Sonne
und auch in der nassen Stille.
Dies gibt es 
in allem.
Es ist der Weg zu dir.
................
Mein Weg zu dir 
ist geradeaus.
Geradeaus gehen heißt mitunter
den längsten Weg wählen
über steinerne Brücken
gehen, sie überspringen und sie umgehen
Kalender zählen
Blumen nicht zertreten.
Und dazu noch
ins Echo hineinhorchen
tief im Herzen 
das genaue Abbild vergangen-jetziger Zeit verbergen
und die Sprache des Augenblicks erhaschen
der dich begleitet.
..................
Und sicher ist nur eines
daß der Weg nie enden wird
daß ich gehe, gehe, gehe
und Du immer nur in meinen blauen Träumen bist ...


***
Er krankte
an einer Krankheit
nicht schwer
Er suchte
nichts weiter
nur etwas Wahrheit
und verletzte sich ...
Er wußte nicht
daß die Krankheit
seinen Körper zerstört
nur der Blutstropfen
dort wo er ging
leuchtet rot
und 
schreit
***
die Oberfläche meiner Hoffnung ist so leicht
wie der erste Sprühregen im Frühling
die Oberfläche meiner Hoffnung ist s o schwarz 
wie die heimatliche Erde
die Oberfläche meiner Hoffnung ist so rot 
wie geknickte Mohnblumen
meine Hoffnung hat sich angesiedelt
in einem freien Vogel


***
eine Ahnung
ist in den Wolken verborgen
jemand hat gesagt
dieses Hau s muß kuriert werden
wo der Tag den Tag sucht
und die Nacht die Nacht
noch einmal gespritzt – so riecht das Korn
es fällt kein wahrer Regen
ein Duett schwarzweißer Schatten 
buhlt im roten Bett
jemand hat gesagt
die Fenster in diesem Haus sind krank 
mit reinen Händen müssen
Fenster und Augen gerettet
muß das vergessene Gebet geflüstert werden
um Brot
um Salz
um euch alle
die ihr nicht mehr seid

***
über die Ufer der Unruhe betrete ich das lichtlose Dickicht
am Himmel zerfließt der Geruch des nächtlichen Lagers des Sees
die Mitternacht legt Schönheit auf den schweren Tau
ich suche Dich zur Zeit des goldnen sterbenden Sandes
rufe den lebendigen Wind im dunklen Rauschen des wunden Waldes
schaue auf die zerbrochenen Fuhren in den fremden Fahrrinnen

und da bist Du – mein Traum in scheuen Händen
berührt die Tische der Stille im erneuerten Regen
wir sind beieinander – schwimmen im kranken Hauch des kurzen Lichtes
auf den kleinen Dampfern verklingt unser Lied

– die Landschaft kommt im dritten Schweigen ans Licht

***
wieder
breitet sich Ruhe aus
und findet ihren Platz ...
und auf dem unkindlich gemalten Bild
ziehen die Wolken der Stille auf ...

man kann sogar die Festigkeit
der Mauer prüfen
und genau die Quelle bestimmen
der wundersamen Musik
der Musik von Tagen und Nächten
welche nie gewesen sind ...

das alles erwacht zum Leben
auf dem unkindlich gemalten Bild
und dann
ziehen die Wolken der Stille auf

und wieder
breitet sich Ruhe aus
und findet ihren Platz ...


***
Dichter sterben
wenn sich das lebendige Wort
zum erstenmal verirrt
und das Weizenecho
an einem Stein zerschellt

Dichter sterben
wenn eine gute Zeit dem Papier lacht

Dichter sterben
wenn die genauen Adressen gefunden sind

die satten Gesten

Dichter sterben
wenn die düsteren November anheben —


II. Aus: „Weißrussische Schriftsteller Polens„ („Áåëàðóñê³ÿ ï³ñüìåíí³ê³ Ïîëüø÷û”), Minsk 2000

***
Meiner Stadt Bielsk

Meine Heimatstadt ist winzig klein
winzig klein
wie ein rascher Regentropfen
er zerfließt
hört auf zu sein
wenn er auf die Erde fällt.
Meine Heimatstadt ist klein
ist so klein
wie ein Tropfen Regen
aber
sie zerfließt niemals
Sturm kann sie nicht zerstören
und Feuer nicht verbrennen.
Du meine Stadt
voll von Menschen
sind die engen Straßen
voll von alten Menschen
und von Kindern – wie schön
einzumünden in den Strom der alten Menschen und der Kinder
und die Luft zu atmen.
Ein Baum ohne Wurzel
verdorrt
ein Mensch ohne Luft – 
er stirbt.


***
die bunten Kleider zerreißen die Luft
die mechanischen Herzen wiederholen ihren Zirkus
auf fruchtbarem Boden gedeihen gemächlich
Vorhersagen (außer solchen des Wetters)
die wunderbare Stadt ist mit Taubheit gesalzen
ununterbrochen werden Lachen und Begeisterung verkauft
alle haben dieselben Marschrouten
von der ersten bis zur letzten Tür
künstliches Licht schwankt
unter der Musik der Taubheit
das ganze modische Leben
steht unter einer modischen Losung 

die Tode sind unterschiedlich


***
Ich widerspreche nicht
du hast vieles gesehen:
Aufgang und Untergang der Sonne
und ideale Schönheit ohne Ende.
Du hast mit der Hand
die Geschichte Tausender von Jahren berührt.
Dein Weg hat dich
durch steinige Wüsten geführt
und auch durch die Paläste von mächtigen
oder der Welt auch weniger
bekannten Herrschern.
Du hast ihren Aufschwung gesehen, ihren Fall
erstarrt in heute berühmten
Schnitzereien und Bildern.
Indes
indes du hast so wenig gesehen.
Nicht gesehen hast du
Tränen ...


***
Blut strömt in den Erinnerungen
wir warten an gefährlichen Ufern
um einander anzuschauen

die Quittungen der rosa Monde
die verbrauchten Bleistifte
vergilbten Fotos
Lieblingsbücher
und unwahren Worte
sie liegen hinter uns

leichtfüßig gehen wir von den Ufern
in die Hölle hinein
stecken die heimischen Nester in Brand
im Schatten der Birke ruhen wir uns aus von unserem eigenen Gift
nehmen die Mützen nicht ab vor dem reinen Wind
gehen auf glitschigen Wegen
ohne die Regeln der Vorsicht zu kennen

unsere Pflanzen vertrocknen
voller Mißtrauen gegen uns

wir irren herum und finden keine Tränke
wir können die Grenzen der Brandstätten nicht umreißen
und unsere Kleidung nicht unterscheiden
wir erröten auf Jubiläumsfeiern
wir spüren keine Wärme in uns
wir spielen einander leere Blätter zu
wir streichen leere Antworten


wir spielen lebende Wesen
vor uns selbst


***
nichts spreche ich aus in meinen kurzen Gedichten
ich habe niemals jemandem etwas gesagt
ich bin stumm

ich mag keine Versuche am Menschen

analysiert habe ich schlechte hauptstädtische und provinzielle Biographien 
auch die aalglatten Briefe meiner Bekannten
kenne ich ein wenig

mir mangelt es am Verstand meiner Eltern

es gibt mich kaum

***
Am abendlichen Himmel zog
Ein einflügeliger Vogel vorüber.
Hinter meinem Fenster sang
Der einsame Wind.
Ein Unbekannter schenkte mir heute
Einen Kalender mit neun Monaten
... ohne Frühling ...

Aus dem Weißrussischen übertragen von Gundula und Uladsimir Tschapeha


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