EUGEN VON ENGELHARDT
(1899-1948)
Norbert Randow
Über den Verfasser des Buches „Weißruthenien” liegt bisher nur wenig gedrucktes Material vor. Nachgewiesen ist in der deutschen Literatur (”Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960.” Köln-Wien 1970) lediglich ein Nachruf von Axel de Vries („Baltische Briefe. Mitteilungen für die Flüchtlinge aus Estland und Lettland”, Nr. 1 (6), Ende April 1949):
”Eugen von Engelhardt
Der erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur in der Entwicklung der Einzelpersönlichkeit von uns Balten. Es gab bis dahin unter uns eine ganze Reihe wirklicher Männer, überragender Persönlichkeiten, bei denen Körper und Seele aus einem Guß hervorgegangen schienen, die in Charakter, Haltung und oft auch körperlicher Größe mächtigen Eichen glichen, die weit über den Durchschnitt gewöhnlicher Menschen hervorragten. Wenn im Wort ‚Original‘ oft etwas Abseitiges liegt, so waren diese Persönlichkeiten mit Abstrich dieses Abwegigen wirkliche ‚Originale‘, im Sinne der Einmaligkeit und Besonderheit ihrer Bedeutung.
Aber auch in unserer Zeit hat es noch solche Menschen gegeben. Vielleicht nicht so stark geprägte, weil die Umwelt eine andere geworden war, aber doch noch getragen von den formenden Kräften eines weiten Raumes, einer inneren Freiheit und Unabhängigkeit und der umfassenden Betrachtungsweise der Welt, die so bezeichnend gerade für die großen Gelehrten aus unserem Stamme gewesen ist.
Ein solcher Mann war Eugen Baron Engelhardt, der kürzlich verstorben ist. Ich sehe ihn noch vor mir, mit seiner schlanken Gestalt, mit seinem kühnen Profil des schmalen Kopfes, im weißen Tarnhemd mit dem Karabiner auf der Schulter, wie er mit dem sicheren Instinkt eines leidenschaftlichen Jägers und der Ruhe des tapferen Mannes den Einsatz seiner von ihm selbst aufgestellten, weit über hundert Mann umfassenden Forstschutzgruppe im Osten leitete. Wer ihn so sah, konnte glauben, er sei ein alter kriegserfahrener Landsknecht, der seinen Haufen mit harter Hand formt und führt. Wer aber so dachte, wurde überrascht, wenn er erfuhr, daß Engelhardt eine fein differenzierte, hochbegabte Persönlichkeit war, über eine große Weltkenntnis verfügte, noch sehr viel weiter herumgekommen war, als dies allgemein der Fall ist, und zudem ein Schriftsteller von beachtlichem Können war. Dabei war er vor allem ein Mann, ein wirklicher Mann, in dieser Zeit der halben Charaktere, auf den man sich bis ins Letzte verlassen konnte. Seine Kenntnis des Ostens war eine umfassende und tiefgreifende. Sein Buch über Weißrußland ist wohl das aufschlußreichste, welches in deutscher Sprache über dieses große Gebiet erschienen ist. Der russische Schriftsteller Pilnjak hat in einer seiner Novellen, die die russische Revolution 1917/18 zum Vorwurf hatte, in unvergleichlicher Weise die letzten Tage eines russischen Gutsbesitzers geschildert, der von der Flut der Mittelmäßigkeit erdrückt wird. Pilnjak vergleicht ihn mit einem Falken, dem Herren der Lüfte.
Ein solcher Mensch war Engelhardt. nur in der Weite des Ostens konnte er aufwachsen, so wie er war, und nur in der Weite des Ostens konnte er wirklich leben.
A. de Vries”
Sehr viel ausführlicher ist der in der weißruthenischen Emigrantenzeitung „Bac’kauščyna” bereits am 26. Dezember 1948 erschienene Nachruf von V. Maksimovič, der hier in deutscher Übersetzung ebenfalls folgen mag, da er sehr viel mehr faktisches Material, besonders über Engelhardts Schicksal nach dem zweiten Weltkrieg enthält und zugleich die Wertschätzung erkennen läßt, die ihm seitens der Weißrussen entgegengebracht wurde:
”Eugen von Engelhardt
Am 7. November 1948 beendete der hervorragende Gelehrte, der begabte Schriftsteller und große Freund des weißrussischen Volkes Eugen von Engelhardt nach langjähriger schwerer Krankheit im Sanatorium von Simbach in Bayern sein arbeitsreiches Leben.
Engelhardt stammte aus einem alten deutschen Geschlecht, das bereits seit 300 Jahren im weißrussischen Dünagebiet ansässig war. Dort hatte er als Knabe weißrussische Bauernkinder der Gegend als Spielgefährten. Später, als leidenschaftlicher Jäger, streifte er zusammen mit weißrussischen Waldhütern durch die umliegenden Wälder und Dickichte des Dünagebietes. Von daher kannte und liebte Engelhardt von Kindheit an das weißrussische Volk, seine Sprache und seine Bräuche.
Diese gefühlsmäßige Bindung, die sich bei Engelhardt bereits in jungen Jahren einstellte, war jenes Hauptmotiv, das ihn später zu seiner geduldigen und beharrlichen wissenschaftlichen Erforschung Weißrußlands und zu seinen Übersetzungen weißrussischer Werke ins Deutsche anspornte.
Wenn Engelhardt mit den Fragen der weißrussischen politischen Wiedergeburt auch bereits während des ersten Weltkrieges in Berührung kam, so begann er mit dem systematischen Studium der weißrussischen Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Literatur doch erst in den dreißiger Jahren, nach seiner Rückkehr aus Australien.
Mit der Anhäufung von Materialien, Exzerpten und Notizen entstand bei Engelhardt langsam der Gedanke und die Ambition, ein gründliches und zudem in der deutschen wissenschaftlichen Literatur fehlendes mehrbändiges Werk zu schaffen - eine Monographie über Weißrußland und das weißrussische Volk, ein Werk, das ein informatives Handbuch für jeden sein sollte, der sich näher mit den Fragen der Weißrussistik befassen wollte.
Dazu schrieb er - und berührte damit eine charakteristische und typische deutsche Erscheinung -, daß die deutsche Wissenschaft und Literatur umfangreiche Werke über irgendwelche Kannibalenstämme in fernen Ozeanen oder über bereits seit Jahrtausenden ausgestorbene Völker besitze, aber so gut wie nichts über das ihm seit geschichtlichen Zeiten nahe, ja benachbart lebende weißrussische Millionenvolk.
Diese Lücke der deutschen Wissenschaft war Engelhardt bestrebt auszufüllen, und mit der ganzen ihm eigenen deutschen Akkuratesse und Geduld machte er sich an die Sammlung des wissenschaftlichen Materials.
1940 erschien eine erste große Studie von ihm über Weißrußland in dem Buch „Der nahe Osten”. Schon in dieser Arbeit offenbarte sich die ganze Breite und Gründlichkeit, mit der Engelhardt an seine selbstgestellte wissenschaftliche Aufgabe heranging.
Der Krieg war bereits in vollem Gange. Für ruhige, systematische Studien gab es keine angemessenen Voraussetzungen mehr. Engelhardt wurde zur Wehrmacht eingezogen. Die begonnene Arbeit mußte auf später verschoben werden, obwohl bereits Materialien für mehrere Bände zusammengetragen waren. Inzwischen war die weißrussische Frage durch den Gang der politischen Ereignisse außerordentlich aktuell geworden, und Engelhardt erhielt das Angebot, seine Arbeit in dem vorliegenden „Rohzustand” drucken zu lassen, ohne auf eingehende Umarbeitung und Vervollständigung zu warten. So erschien sein Buch „Weißruthenien” (Eugen Freiherr von Engelhardt, Weißruthenien, Volk und Land. Berlin 1943. 358 Seiten.).
Dieses Buch enthält nur einen Teil des von Engelhardt gesammelten Materials in kompilativer Form, ohne eingehende Bearbeitung der einzelnen Abschnitte. Nach dem Kriege, so hatte sich der Autor vorgenommen, wollte er die ihm am Herzen liegende Arbeit in einer anderen, vervollständigten, mehrbändigen Ausgabe herausgeben. Als zweiter Teil sollte noch während des Krieges ein Band mit Illustrationen erscheinen. Dieser Band war bereits in Druck gegeben, wurde aber unglücklicherweise durch die Kriegsereignisse zusammen mit der Druckerei, die ebenfalls zerstört wurde, vernichtet.
Das Buch „Weißruthenien” von Engelhardt enthält eine gewaltige Fülle von Daten aus der Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Kultur Weißrußlands. Besonders wertvoll sind Hunderte von wörtlich zitierten Quellen, was es einem jeden ungemein erleichtert, seine Kenntnisse auf jedem gewünschten Gebiet zu vertiefen. Mit besonderer Hingabe hat Engelhardt den Abschnitt über Sitten und Gebräuche in Weißrußland geschrieben, offensichtlich standen dabei eigene Erlebnisse und Erinnerungen Pate.
Diese Arbeit, eilig in Druck gegeben, entbehrt nicht einiger Ungenauigkeiten und Fehler, besonders wo es um die Beschreibung unserer südwestlichen Grenze (im Palessje) geht. Diese Fehler hat Engelhardt sehr bedauert und er nahm sich vor, sie in der zweiten Ausgabe seiner Arbeit zu korrigieren. Dazu aber ließ ihm seine schwere Brustkrankheit leider weder Zeit mehr noch Kräfte.
Seit Kriegsende befand sich Engelhardt in einem Sanatorium. Die erbarmungslose Krankheit zehrte langsam aber konsequent seine Kräfte auf. Alle Kuren erwiesen sich als erfolglos. Unter solchen Bedingungen war es ihm unmöglich, an der Vollendung seiner Monographie über Weißrußland zu arbeiten, um so mehr als alle gesammelten Materialien und Notizen während des Krieges verlorengegangen waren.
Aber auch auf dem Krankenlager im Sanatorium war Engelhardt bemüht, dem Land seiner Kindheit einen letzten Tribut zu zollen. Da er neben hervorragenden wissenschaftlichen Fähigkeiten auch über ein nicht geringes literarisches Talent verfügte, machte er sich nunmehr an die Übersetzung hervorragender Werke der weißrussischen Literatur in Vers und Prosa.
Es ist kein Wunder, daß Maxim Bahdanowitsch ihm am nächsten stand - das gleiche tragische Los, der gleiche tragische Tod des einen wie des anderen, die gleichen Erlebnisse und Gefühle angesichts des unabwendbaren nahen Endes fern von der teuren Heimaterde. So entstand das Bändchen mit Übersetzungen „Weißruthenische Heimatlyrik von Maxim Bahdanowitsch” (im Druck). Engelhardt übersetzte ebenfalls Bahdanowitschs „Apokryphe”, deren in eine untadelige Form gekleideter Gehalt sein Herz berührt hatte.
Er war auch damit beschäftigt, einen Band weißrussischer Erzählungen in deutscher Übersetzung zum Druck vorzubereiten. Der erbarmungslose und vorzeitige Tod ereilte ihn während der Arbeit an der Übersetzung der besten Werke unseres prophetischen Sängers Kupala.
Mit Engelhardt ging ein ausgezeichneter Gelehrter und Dichter sowie ein großer Freund der weißrussischen Sache in die Ewigkeit. Sein Buch ‚Weißruthenien‘ wird noch auf lange Jahre hinaus ein unersetzliches Handbuch und Quellenwerk bleiben, in deutscher Sprache jedem Politiker und Wissenschaftler der Welt zugänglich. Mit seinem Hinscheiden haben sich die spärlichen Reihen der westeuropäischen Kenner der weißrussischen Sache empfindlich gelichtet.
Deshalb ist dieser Verlust so schmerzlich für uns, und so neigt heute vor dem frischen Grab jeder Weißrusse ehrfurchtsvoll und in großer Trauer sein Haupt.
W. Maximowitsch.”
Beide Nachrufe sparen aus Engelhardts Lebenslauf aus, worüber er selbst im Vorwort zu seinem Buch „Weißruthenien” Auskunft gibt.
Als Sohn eines baltendeutschen Gutsbesitzers auf dem Gut Schönheyden, etwa 20 km südöstlich von Dünaburg (lettisch: Daugavpils, russisch: Dwinsk) aufgewachsen, trat er nach der Besetzung der bis zum ersten Weltkrieg zum russischen Reich gehörenden Stadt Riga durch deutsche Truppen von der Schulbank weg, wie er schreibt, als Kriegsfreiwilliger in das deutsche Heer ein. Weiter heißt es bei ihm: „Aufgrund meiner Sprach- und Landeskenntnisse wurde ich im Herbst 1918 bei einem Sonderstabe in Minsk und Orscha eingesetzt. Hier kam ich zum ersten Male mit der weißruthenischen Frage in Berührung und lernte die Kerngebiete des weißruthenischen Volkes und Landes kennen. Später, während der Winterkämpfe der Baltischen Landeswehr gegen die Rote Armee im Jahre 1920, hatten wir viele Wintermonate in weißruthenischen Bauerndörfern Lettgallens gelegen. Inmitten der Bauernfamilien, bei denen wir in engen Holzhäusern einquartiert waren, hatte ich wiederum gute Gelegenheit, dieses Volk, seinen Familiensinn, seine Liebe zur Scholle kennenzulernen.”
Über die Kämpfe der Baltischen Landeswehr gab Engelhardt 1938 in Berlin ein Buch unter dem Titel „Der Ritt nach Riga. Aus den Kämpfen der Baltischen Landeswehr gegen die Rote Armee 1918-1920” heraus, das im ersten Teil die Erinnerungen seines Vaters Wilhelm von Engelhardt (1862-1920) enthält und im zweiten Teil einen von ihm selbst verfaßten Abriß über „Das Schicksal der Kavallerie-Abteilung Engelhardt im Rahmen der Kämpfe der Baltischen Landeswehr gegen die Rote Armee 1918-1920”.
Aus heutiger Sicht war Eugen von Engelhardt eine außerordentlich widersprüchliche Persönlichkeit. Nach der Beendigung der Kämpfe und der Etablierung der drei selbständigen baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen blieb Engelhardt als Landwirt auf dem durch Landenteignung seitens des lettischen Staates sehr zusammengeschmolzenen Hof in Schönheyden, den er mit Hilfe weißrussischer Landarbeiter wieder hochbrachte. Ende der zwanziger Jahre hielt er sich längere Zeit in Australien auf. Die wenig deutschfreundliche Politik der lettischen Ulmanis-Regierung trug dazu bei, daß er, national-konservativ geprägt, 1931 Mitglied der NSDAP wurde, weshalb er 1934 aus Lettland ausgewiesen wurde. Er ließ sich in Berlin nieder, wo ihm der Aufbau des „Instituts zum Studium der Judenfrage” übertragen wurde. Hier befaßte er sich vor allem mit dem Anteil von Juden am russischen Bolschewismus. Sein Hauptinteresse aber galt dem Studium Weißrußlands, als dessen erstes Ergebnis er den in Maximowitschs Nekrolog erwähnten Aufsatz „Die Weißrussen und die Vielvölkerecke von Augustowo-Wystiten” verfaßte, der zusammen mit einer Studie von Franz Pauser über „Die Deutschen im ukrainischen Volksboden. Eine geschichtlich-siedlungsmäßige Übersicht” unter dem gemeinsamen Titel „Aus dem nahen Osten. Zwei Aufsätze mit 10 Karten und 20 Abbildungen” 1940 als Privatdruck des Instituts für Grenz- und Auslandsstudien in Berlin erschien. Während des zweiten Weltkrieges war Engelhardt im besetzten Weißrußland als Forstschützer eingesetzt, wo er sich, wie die Erinnerungen Jan Žamojcins belegen, der Achtung und Zuneigung seitens der Bevölkerung erfreute. Wie stark seine Achtung und Zuneigung für die Weißrussen war, möge hier nur durch ein einziges Zitat aus seinem „Weißruthenien”-Buch gezeigt werden. Dabei darf man nicht vergessen, daß das Buch 1943 erschien, als die nationalsozialistische „Untermenschen”-Doktrin in Bezug auf die slawischen Völker immer größere Ausmaße annahm. Engelhardts Buch hatte, wie er im Vorwort schreibt, „neben dem vornehmlich informatorischen Zweck noch einen weiteren und höheren. Das weißruthenische Volk ist, materiell genommen, ein armes Volk. Es besitzt aber einen Schatz, der mehr wert ist als Gold und den leider nur wenige Völker Europas und der übrigen Welt besitzen oder sich bis auf den heutigen zu bewahren verstanden haben, das ist - ein schlichtes, einfältiges, mitfühlendes Herz. Im letzten Jahrtausend ist dieses seiner Denkungsart und sozialen Struktur nach bäuerlichste Volk Europas von der Vorsehung wahrlich stiefmütterlich behandelt worden. Es gibt ein sehr hübsches weißruthenisches Sprichwort, das die ganze Hoffnung dieses leidgeprüften Volkes auf eine glücklichere Zukunft zum Ausdruck bringt. Es lautet: ‘Zaglanje Slontze i v nasche Akontze’, d.h. ‘Einst wird die Sonne auch in unser Fensterlein scheinen!’ Möge dieses Buch ein bescheidener Beitrag dazu sein, daß diesem kleinen Nachbarvolk endlich einmal, nach so vielen Jahrhunderten, eine bessere und glücklichere Zukunft beschieden sei und es seinen wohlverdienten Platz an der Sonne erringe.”
Engelhardts „Weißruthenien”-Buch, aus dem im folgenden einige Kapitel abgedruckt werden (mit ganz gerinfügigen Kürzungen, die die damals geforderte Kenntlichmachung jüdischer Protagonisten betreffen), ist bis heute das gründlichste und umfassendste Werk in deutscher Sprache über Weißrußland und das weißrussische Volk, über seine Geschichte, seine Sprache und Literatur, seine Wiedergeburt zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie über die geographischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des Landes (letztere natürlich nur bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges).
NORBERT RANDOW
VORGESCHICHTE
Über die Bevölkerung des heutigen Siedlungsraumes der Weißruthenen in vorgeschichtlicher Zeit liegen noch keine umfassenden exakten Forschungen vor. Aus der neolithischen Epoche, die für die damaligen Bewohner dieses Gebietes auf das Jahr 1000 v.d.Zw. geschätzt wird, stammt eine ganze Reihe aufschlußreicher Funde1 . Von russischen Werken zu dieser Frage sind vor allem die Arbeiten von A. Spizyn zu nennen2 . In den Nachkriegsjahren sind vereinzelte archäologische Abhandlungen und Arbeiten vom „Institut für weißruthenische Kultur” in Minsk herausgegeben worden. Der deutschen archäologischen Wissenschaft und Vorgeschichtsforschung, die diese Gebiete bisher überhaupt vernachlässigt hatte, dürfte sich hier in Zukunft ein besonders interessantes und dankbares Tätigkeitsfeld bieten.
Professor Karskij vertritt die Ansicht, daß die von Herodot (Band IV) erwähnten Budinen, die dieser als groß, blauäugig und hellhaarig schildert und deren Wohngebiete er an den Borystenes - nach Professor Karskij: die Beresina - verlegt, slawischen Ursprungs und Vorfahren des einen oder anderen jener Stämme seien, die dem heutigen weißruthenischen Volke zugrunde lagen. Die gleiche Anschauung hatte bereits der bekannte slawische Vorgeschichtler P.J. Schafarik um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in seinem Standardwerk, das 1843 auch in deutscher Sprache in Leipzig unter dem Titel „Slawische Altertümer” erschien, zum Ausdruck gebracht und als weiteren Beweis noch darauf hingewiesen, daß gerade im weißruthenischen Siedlungsraume als Gehöft-, Dorf- oder Ortsname das Wort Budy (Haus, auch Rodung) besonders häufig anzutreffen sei. Auch Mela, Plinius, Ammianus Marcellinus, Julius Honorius, Aethius u.a. erwähnen die Budinen.
Schafarik schreibt in seinem obenerwähnten Werke über die Budinen: „Nach diesen Zeugnissen läßt sich nicht bezweifeln, daß der große und volkreiche Stamm der Budinen ehemals das ganze heutige Wolhynien und Weißrußland innegehabt hat.” Auch Ptolemaeus erwähnt in seiner Geographie die Budinen und setzt ihre Wohnsitze ungefähr südlich der Waldaihöhen an3 . Tacitus beschreibt den Wohnsitz seiner „Wenden” als zwischen den Budinen und Finnen befindlich (... quiquid inter Peucinos Fennesque silvarum ac monium erigitur)4 .
Von den drei slawischen Stämmen, aus denen in erster Linie das heutige weißruthenische Volk hervorgegangen ist - den Krywitschi, Dregowitschi und Radimitschi -, wird der übrigens auch zahlenmäßig bedeutendste Stamm der Kriwitschen5 bereits von Herodot genannt, der sie „Crobyzi Thraces” nennt6 .
Der byzantinische Kaiser Constantin Porphyrogennetos, der 160 Jahre vor dem ersten russischen Chronisten Nestor sein „De Administrando Imperio” schrieb, erwähnt neben den Kriwitschi bereits auch den Stamm der Dregowitschi, und es ist interessant, daß diese slawischen Stämme bereits damals germanischen Fürsten tributpflichtig waren. Constantin Porphyrogennetos berichtet hierüber7 : „Die russischen Fürsten begaben sich am Anfange des Monats November in die Städte der Tewerzen, Dregowitschen, Kriwitschen, Serben und anderen Slawen, welche den Russen abgabepflichtig waren...”
Die Vorgeschichte der slawischen Stämme, aus denen sich das weißruthenische Volk bilden sollte, ist in ein Halbdunkel gehüllt. Immerhin ist aus der Aufzählung antiker Quellen, in denen sie genannt werden, zu ersehen, daß ihr Dasein im Altertum wenigstens bekannt war. Die spätere Geschichtsschreibung konnte sich vor allem auf die russische Nestor-Chronik stützen, die von einem Mönch des Kiewer Höhlenklosters um 1100 geschrieben wurde.
Die Entwicklung der drei „weißruthenischen” Stämme kann in der Frühzeit ihrer Geschichte im Zusammenhang mit der Entwicklung aller übrigen ostslawischen Stämme gesehen werden. In späterer Zeit treten dann geschichtliche Ereignisse ein, die die Bildung eines besonderen weißruthenischen Volkstums begünstigen, eine Entwicklung, die auch gegenwärtig noch nicht endgültig abgeschlossen ist.
Das Gebiet zwischen den Karpaten und dem sogenannten „Polessje” (Wald- und Sumpfgebiet um Pinsk herum) wird von den meisten Erforschern der slawischen Vorgeschichte als die Wiege der slawischen Völkerstämme angesehen8 .
Der hervorragende russische Historiker Professor W.O. Kliutschewskij schreibt in seinem mehrbändigen Standardwerk „Geschichte Rußlands”9 , daß gemäß einem Hinweise der sogenannten „Ältesten Chronik” (auch Nestor-Chronik genannt) Slawen im Bestande des Dakerreiches an der Donau im 11. Jahrhundert n.d.Zw. nachweisbar sind. Es ist dort die Rede von der Zerstörung des Dakerreiches durch den römischen Kaiser Trajan und der hierauf erfolgenden Abwanderung eines Teiles der Slawen an die Weichsel und eines anderen Teiles an den Dnjepr. Die ersteren nannten sich Liachen (wie die Polen noch heute von den Ukrainern genannt werden), die anderen Poljanen.
Diese Tatsache braucht jedoch keineswegs als Beweis dafür angesehen zu werden, daß die Gebiete am Unterlauf der Donau die Urheimat der Slawen seien, es ist vielmehr wahrscheinlich, daß sie nach dorthin durch Abwanderung oder Abdrängung verschlagen worden sind. Vom II. bis zum VI. Jahrhundert saßen Slawen in den Karpaten, bis der Ansturm der Awaren sie von neuem in Bewegung setzte. In diesen Zeitraum fällt auch die Gründung des germanischen Ostreichs (im IV. Jahrhundert n.d.Zw.) unter dem großen Gotenkönig Hermanarich10 .
In Mittel- und Osteuropa gab es im V. und VI. Jahrhundert viele Gebiete, welche von germanischen Stämmen unter dem Druck der Hunnen verlassen worden waren, in die nun die Slawen nachrückten und im Verlauf des VII. Jahrhunderts die ersten slawischen Staaten, den tschechischen, chorwatischen und bulgarischen, begründeten. In diesem Jahrhundert begann sich die Differenzierung der slawischen Stämme in Westslawen, Südslawen und Ostslawen herauszubilden.
Im Verlauf der nächsten zwei Jahrhunderte, zur Zeit der Herrschaft der Awaren zu beiden Seiten der Karpaten, rückten die an den nordöstlichen Abhängen der Karpaten lebenden Slawenstämme allmählich nach Osten und Nordosten in die unübersehbaren Waldgebiete vor und breiteten sich entlang den Flußläufen aus.
In den Karpaten lebten die Slawen, nach Ansicht von Professor Kliutschewskij, noch in primitiven Sippenverbänden. Sie wurden von Sippenältesten und kleinen Stammesfürsten beherrscht und berieten ihre gemeinsamen Angelegenheiten in den sogenannten „Wjetsche” (etwa: Thing), das sind Sippenzusammenkünfte bzw. Stammesversammlungen. Offenbar war der Sippenverband bei den Ostslawen auch die herrschende Gesellschaftsform im Verlaufe der Ansiedlungsperiode.
Die „Geschichte vergangener Jahre” (die sogenannte Nestor-Chronik) schildert jedenfalls nur diese Form mit einiger Deutlichkeit: „Es lebte ein jeder bei seiner Sippe und an seinem Ort, und es herrschte ein jeder in seiner Sippe ...”. In dem von unermeßlichen Wäldern und Sümpfen bedeckten Lande befaßten sich die hier siedelnden ostslawischen Stämme bzw. Sippen vorwiegend mit Jagd, Fischfang, Bienenzucht und Ackerbau. Sie siedelten in einsam gelegenen, zum Teil sehr großen Höfen, die sie mit Gräben und Wällen bzw. Palisaden umzogen, die als sogenannte „Gorodischtsche” heute noch in großer Anzahl im ganzen Land, besonders im weißruthenischen Raume, zu finden sind.
Diese Art der Siedlungsweise wie auch die Art der Land- und Waldnutzung mußte mit zunehmender Vermehrung der Zahl der Sippenangehörigen unfehlbar die bis dahin festgefügten Sippenverbände lockern. Das Übergangsstadium vom alten Sippenverband zur neueren, einfachen Familie bildete der alte russische Hof, die Großfamilie, der außer dem Hausherrn, seiner Frau und den Kindern noch die nicht abgesprengten Anverwandten, Brüder und Neffen angehörten, eine Lebensform, die der alten römischen Familie entsprach.
Bei den Weißruthenen haben sich, wie wir bei den späteren Ausführungen über Sitte und Brauchtum sehen werden, diese alten slawischen Formen und Bräuche der Großfamilie wohl noch am längsten und deutlichsten, zum Teil bis in die Gegenwart hinein, erhalten.
An Stelle der sippenmäßigen Blutsverwandtschaft scheint mit der Zeit die Nachbarschaft, verstärkt durch immer stärker werdende verwandtschaftliche Bindungen, getreten zu sein. Aus dem zum Teil aus wirtschaftlichen, zum Teil aus territorialen oder politischen bzw. wehrpolitischen Gründen heraus entstandenen Zusammenschluß einer größeren Anzahl solcher Großfamilien scheinen dann die Stämme hervorgegangen zu sein, die in den Berichten von Constantin Porphyrogennetos und anderthalb Jahrhunderte später in den ältesten russischen Chroniken bereits genau aufgezählt werden.
Bestimmtere Nachrichten über ihre Wohnsitze gibt die Chronik von Nestor11 . Er schreibt: „Eigene Reiche hatten die Poljanen, die Derewljanen, die Dregowitschen, ingleichen die Slowjanen in Nowgorod und in Polota, wo die Polotschanen sind; sodann weiterhin die Kriwitschen, welche an den Quellen der Wolga, Düna und des Dnjepr wohnen, ihre Stadt ist Smolensk, dort wohnen die Kriwitschen; von ihnen weiterhin die Sewerjanen ...”
Über die Kriwitschen und die ebenfalls zum gleichen Stamm gehörenden Polotschanen mit ihrer Stadt Polozk - dem Sitz des von skandinavischen Wikingern begründeten Polozker Fürstentums, dem ersten Staatswesen, das auf dem Boden eines der Mutterstämme der späteren Weißruthenen begründet worden war - wird noch ausführlicher berichtet werden. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Begründung dieses ersten, wenn man so sagen darf, „weißruthenischen” Staatswesens war das Vorhandensein von größeren stadtartigen Siedlungen, die aus den naturgemäß meist an Flußadern oder Seen gelegenen kleineren Warenaustauschplätzen der Ostslawen hervorgegangen waren. Diese Sammelpunkte wurden „Pogosty” genannt, in Ableitung vom Wort „Gostjba”, d.h. den „gastlichen” Zusammenkünften zwecks Warenaustausch. Nach Annahme des Christentums richtete man in diesen örtlichen Dorfmärkten bzw. Zusammenkunftsorten die ersten Kirchen ein, und bis heute noch hat sich diese Bezeichnung für Gemeinde (und zwar im politischen Sinne ) bei den Litauern (und Letten) erhalten, die es wohl von den Slawen entlehnt haben.
Die Wälder mit ihrem Reichtum an Pelztieren und die Waldbienenzucht lieferten den Slawen Material im Überfluß für den Außenhandel, und beginnend wohl mit dem VIII. Jahrhundert werden Felle, Honig und Wachs bereits zu gangbaren Artikeln ihres durch das Stromsystem des Dnjepr begünstigten Ausfuhrhandels. Dieser Osthandel der Slawen begünstigte die Gründung der ältesten russischen Handelsstädte wie Kiew, Nowgorod, Smolensk, Polozk u.a., diese wiederum die Begründung der ersten staatlichen Gebilde umfassenderer Art. Der Anstoß hierzu kam jedoch aus dem Westen bzw. Nordwesten: das Stromsystem des Dnjepr verband diese Waldgebiete nämlich nicht nur mit dem Südosten sondern auch - über die Lowatj und Düna auch mit dem „Eystra Salt” - mit der Ostsee der skandinavischen Germanenstämme.
Die „Geschichte vergangener Jahre” (Nestor-Chronik) beschreibt ausführlich diese für die Ostslawen schicksalhafte Wasserstraße „von den Wariagen zu den Griechen”: „Es führte der Weg von den Wariagen zu den Griechen und von den Griechen zurück den Dnjepr entlang, von des Dnjepr Oberlauf führte ein ‘Wolok’ (Schleifstrecke) bis zum Flusse Lowatj, durch diesen erreicht man den großen Ilmer See, aus diesem See fließt der Wolchow und mündet in den großen Newo-See (Ladoga-See), und die Mündung dieses Sees führt ins Wariager Meer...”
Diese alte slawische Chronik versteht unter „Wariagen” verschiedene nordgermanische Völkerschaften. Die Byzantiner des XI. Jahrhunderts kannten unter dem Namen „Waranggoi” jene Normannen, die als besoldete Leibgarde im Dienste des Kaisers von Byzanz standen.
Zu gleicher Zeit etwa, als die abenteuer-, beute- und handelsuchenden normannischen Wikinger-Waräger die Küsten der Ost- und Nordsee unsicher machten und nach ihnen die Ostsee von den slawischen Stämmen als Waräger-Meer bezeichnet wird, tauchen diese kühnen germanischen Seefahrer auch im Schwarzen Meer auf, überfallen Konstantinopel und beherrschen das Schwarze Meer so vollkommen, daß es - ebenfalls nach einer ihnen seitens der Slawen und Araber beigelegten Stammes- bzw. Standesbezeichnung „Russj” - das „russische Meer” genannt wird und nach arabischen Zeugnissen niemand außer den „Russj” zu Beginn des X. Jahrhunderts dieses Meer befuhr.
Der größte Teil der sich mit dieser Frage befassenden Gelehrten ist sich heute einig, daß die Bezeichnung „Russj” die slawisierte Form für „Ruotsie”, die skandinavische Bezeichnung für Ruderer ist, andere neigen der Ansicht zu, daß sie vom Namen eines Küstenstriches in Schweden und dessen Bewohnern „Hros” herrühre. Die Finnen nennen heute noch Schweden „Ruotsi-maa” = das Russenland, während sie Rußland „Wenne-maa” = das Wendenland nennen. Jedenfalls werden die „Russj” von allen arabischen und byzantinischen Schriftstellern des X. Jahrhunderts als ein besonderer Stamm, der über die Slawen herrschte, wohl unterschieden, und aus ihrer Beschreibung ist einwandfrei zu erkennen, daß es sich um Germanen handelt.
Im X. Jahrhundert wurde, nach Constantin Porphyrogennetos und arabischen Schriftstellern, der vornehmste Stand in den ostslawischen Fürstentümern, hauptsächlich die fürstliche „Drushina”, die ja in überwiegender Mehrheit aus Warägern bestand, „Russj” genannt.
In geographischer Bedeutung ist das Wort „Russj” oder „Russkaja Zemlja” (russisches Land) nach Professor Kliutschewekij, an den ich mich in dieser Darstellung der slawischen Vorgeschichte im wesentlichen, zum Teil wörtlich, gehalten habe, zum ersten Male in Igor-Ingvars Vertrag von 945 nachweisbar. Mit fortschreitender Verschmelzung der germanischen Oberschicht mit der slawischen Oberschicht im Verlauf der nächsten Jahrhunderte wird dieses Wort bereits als politischer Staatsbegriff und als Bezeichnung für die Gesamtbevölkerung dieses Staates benutzt. Die heutigen Großrussen - ebenso wie die Weißruthenen und Kleinrussen (Ukrainer) - verdanken somit, ob sie es wahr haben wollen oder nicht, sowohl ihren Volksnamen als auch die Namen ihrer Staaten und Länder (im geographischen Sinne) den Germanen.
[...]
Die Geschichte des weißruthenischen Volkes vom Beginn seines historischen Daseins im IX. Jahrhundert bis zur Gegenwart kann in fünf historische Hauptperioden eingeteilt werden, und zwar in: die Polozker Periode (IX. bis XIII. Jahrhundert), die Litauisch-weißruthenische Periode (XIII. bis XVI. Jahrhundert), die Polnische Periode (XVI. bis XVIII. Jahrhundert), die Russische Periode (XVIII. Jahrhundert bis zum Zusammenbruch Rußlands im Jahre 1917), die Nachkriegsperiode (vom Zusammenbruch Rußlands an).
ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER WEIßRUTHENISCHEN NATIONALEN BEWEGUNG BIS ZUM ERSTEN WELTKRIEG
Nicht unbeeinflußt durch die polnischen Romantiker wie Czeczot, Rypinski und andere, über deren Werk im Abschnitt über die weißruthenische Volksdichtung und Literatur berichtet wird, bildete sich an der Wilnaer Universität in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Kreis von Studenten, die von der Wiederherstellung des litauisch-weißruthenischen Großfürstentums träumten. Eine größere Bedeutung kommt diesem Kreise nicht zu. In den Jahren vor dem polnischen Aufstand von 1863 beginnen die Polen wie auch etwas später die Russen, sich der weißruthenischen Sprache als eines Mittels zu politischer Propaganda und Einwirkung auf das weißruthenische Volk zu bedienen. Es erscheinen verschiedene kleinere Broschüren in weißruthenischer Sprache. Der bekannte polnische Poet Syrokomla, seiner Abstammung nach Weißruthene, gibt 1862 ein Gedicht revolutionären Inhalts heraus. Die Weißruthenen werden darin aufgefordert, mit den Polen gegen die Russen zu kämpfen. Die Russen bleiben die Antwort nicht schuldig. 1862 und 1863 erscheint ein Büchlein: „Erzählungen in weißrussischer Mundart” mit einigen volkstümlich gehaltenen Aufsätzen in weißruthenischer Sprache, in denen den Weißruthenen nahegelegt wird, sich doch nicht aus Liebedienerei den polnischen Herren gegenüber als Polen zu bezeichnen, sondern sich offen als Russen zu bekennen.
An der polnischen Aufstandsbewegung der sechziger Jahre gegen die Herrschaft Moskaus nahm auch eine der interessantesten und markantesten Persönlichkeiten unter den Freiheitskämpfern des weißruthenischen Volkes aktiven Anteil: Kastusj Kalinouski. Als Sohn eines Webers im Gouvernement Grodno im Jahre 1838 geboren, beendete er die juristische Fakultät der Universität zu St. Petersburg. In seine Heimat zurückgekehrt, begann er für die Aufhebung der Privilegien des Adels und für die Anerkennung der nationalen und kulturellen Rechte der Weißruthenen zu kämpfen. Während die polnische Aufstandsbewegung gegen Rußland, besonders in den weißruthenischen und litauischen Gebieten, mehr den Charakter einer „Herren-Revolution” der polnischen Oberschicht trug, versuchte Kalinouski dieser Aufstandsbewegung den Charakter eines gegen die polnischen Großgrundbesitzer gerichteten weißruthenischen Bauernaufstandes zu geben. Es kann als feststehend gelten, daß Kalinouski während seiner Petersburger Studienjahre mit den Ideen einer föderativen Umgestaltung des russischen Reiches bekannt geworden ist, wie sie von den großen russischen Revolutionären Bakunin (1816 bis 1876) und Herzen (1812 bis 1870) sowie von der allslawisch-föderalistisch eingestellten Gesellschaft „Kyrill und Method” (1846 in Kiew begründet, 1857 von der russischen Regierung geschlossen) vertreten wurden. Bakunin hatte sich in seinem „Aufruf an die Slawen” an alle in Rußland lebenden Völker, darunter auch an die Weißruthenen, gewandt und ihr volles Selbstbestimmungsrecht anerkannt. Im Jahre 1863 gab Kalinouski in Wilna eine illegale revolutionäre Bauernzeitung unter dem Titel „Mushyzkaja Prauda” = Bauern-Wahrheit” in weißruthenischer Sprache heraus. In seinen Aufrufen wendet er sich in zu Herzen gehenden Worten an die Weißruthenen und ruft sie zum Freiheitskampf auf. 1864 wurde er von den Russen gefangen, zum Tode verurteilt und am 10. März desselben Jahres in Wilna im Alter von 26 Jahren gehängt.
In einem seiner letzten Aufrufe wendet er sich in ergreifenden Worten an sein Volk: „Weißruthenen, meine lieben Brüder! Im Schatten des moskowitischen Galgens muß ich an Euch schreiben, vielleicht zum letzten Male. Bitter ist es, die Heimaterde und Dich, mein teures Volk, zu verlassen! Die Brust wird stöhnen, das Herz sich zusammenkrampfen, aber es ist nicht schade, für Dein Recht zu sterben! Kämpfe, mein Volk, für Dein menschliches und völkisches Recht, für Deinen Glauben, für Deine Heimaterde. Denn noch vom Galgen aus rufe ich Dir zu, mein Volk, daß Du erst dann glücklich leben wirst, wenn der Moskowiter nicht mehr über Dir sein wird.”
Mit dem Zusammenbruch der polnischen Aufstandsbewegung hört im wesentlichen auch der Einfluß der Polen auf die weißruthenische Freiheitsbewegung auf, die ja zum Teil künstlich von den Polen für den Kampf gegen Rußland gefördert worden war. Die weißruthenische nationale Bewegung, damals erst in den kleinsten Anfängen begriffen und zahlenmäßig auf ganz geringe Kreise der Intelligenz beschränkt, kommt in den nächsten Jahrzehnten fast gänzlich zum Erlöschen. Die geschichtliche Tragik des weißruthenischen Bauernvolkes bestand eben darin, daß es führerlos geworden war.
In den achtziger Jahren ging die Erweckung des weißruthenischen nationalen Gedankens nicht von Westen, sondern von Osten aus. Russische Gelehrte, zum Teil weißruthenischer Abstammung, begannen sich für weißruthenische Geschichte, Sprache und Ethnographie zu interessieren. Es sind hier in erster Linie Sapunow, Stukalitsch, Nikiforowskij, Scheďn, Nossowitsch, Downar-Sapolskij und Karskij zu nennen. Angeregt durch die Veröffentlichungen dieser Gelehrten, begannen sich an den einzelnen russischen Universitäten weißruthenische studentische Landsmannschaften zu bilden und für die weißruthenische Sprache, Literatur und allmählich auch im politischen Sinne für die weißruthenische nationale Frage zu interessieren. Innerhalb dieser Bewegung machen sich gleich verschiedene Richtungen bemerkbar, und es beginnt die für die gesamte weitere Entwicklung der nationalen weißruthenischen Freiheitsbewegung so tragische Aufspaltung in eine marxistische revolutionäre Bewegung und eine national-revolutionäre Bewegung. In den für die Staatswerdung Weißrutheniens entscheidenden Jahren 1917 bis 1920 sollte sich diese Spaltung in verhängnisvoller Weise auswirken.
[...]
Durch die marxistischen Organisationen wurden zahlenmäßig ganz unbedeutende, zum Großteil jüdische Fabrikarbeiterkreise der weißruthenischen Industriestädte erfaßt. Wenngleich vereinzelte weißruthenische Revolutionäre auch der revolutionären Führung angehörten, blieb doch das zu 90 v.H. aus Bauern bestehende weißruthenische Volk dieser Bewegung fern.
Nach der Spaltung der Rußländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Jahre 1903 in „Bolschewiki” (= Maximalisten, so benannt, weil der größere Teil Lenin und seinem Programm folgte) und „Menschewiki” wurde 1904 ein „Nordwestliches Komitee der Rußländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei” in den größeren Städten Weißrutheniens begründet.
Während der Revolution von 1905/06 haben diese marxistischen Organisationen in Weißruthenien außer der Veranstaltung von einigen größeren Arbeiterdemonstrationen im Januar 1905 keine nennenswerten Erfolge erzielen können. Sie lösten sich, nicht zuletzt dank dem energischen Zugriff der russischen Polizei, später vollständig auf. Von 1909 bis zum Jahre 1915 ist von der Existenz irgendwelcher marxistischen Gruppen auf weißruthenischem Gebiet nichts zu hören. Erst 1915 wurde die „Arbeit” von Karl Lander in Minsk wieder aufgenommen und die Grundlage zu kommunistischen Organisationen gelegt. Dies zur Entwicklung der marxistischen pseudonationalen Organisationen bis zum Weltkrieg. Wenden wir uns nunmehr wieder der nationalen Bewegung zu.
Beginnend mit den achtziger Jahren fängt das Erwachen eines nationalen Bewußtseins in den Kreisen der zahlenmäßig sehr geringen weißruthenischen Intelligenz an, sichtbare Fortschritte zu machen.
Ein junger, der verarmten Schljachta12 des Gouvernements Minsk entstammender Weißruthene Ignat Hrynjawitzki ist hier vor allen zu nennen. Er gehörte der weißruthenischen Fraktion der russischen revolutionären Organisation „Narodnaja Wolja” (=Volksfreiheit, Volks-Wille) an. Am 1. März 1881 warf er die tödliche Bombe auf den Zaren Alexander II., wurde selbst von ihr schwer verwundet und starb in der auf das Attentat folgenden Nacht.
Von dieser Gruppe revolutionärer Weißruthenen wird 1884, vermutlich in Minsk, illegal eine Zeitschrift unter dem Titel „Homan” (= „Der Ruf”) hektographisch herausgegeben, die, obgleich in russischer Sprache gedruckt, bereits ausgesprochen autonomistische weißruthenische Tendenzen zu vertreten beginnt13 .
Einen großen Auftrieb bekam das nationale Selbstbewußtsein der Weißruthenen durch die Veröffentlichungen des polnischen Schljachtitzen weißruthenischer Abstammung F. Bahuschewitsch, dessen Werk und Persönlichkeit im Abschnitt über die weißruthenische Volksdichtung und Literatur gewürdigt wird.
In einem seiner besten Gedichte „Kalychanka” beweint er die Tragik des weißruthenischen Volkes, die darin liege, daß seine Intelligenz es verlassen habe und in fremdem Volkstum aufgegangen sei.
Im Jahre 1902 wurde in Petersburg ein „Kreis für weißruthenische Bildung und Kultur” gegründet, der sich die Verbreitung und den (damals in Rußland verbotenen) Druck von Schriften in weißruthenischer Sprachen, insbesondere der Werke von F. Bahuschewitsch, zum Ziele setzte.
Im Jahre 1902 wurde von einer sozialistisch eingestellten Gruppe weißruthenischer Jugend in Minsk die „Belarusskaja rewoljuzyjnaja Partyja” (Weißruthenische revolutionäre Partei) gegründet, die eine ausgesprochen autonomistische und radikale Richtung vertrat im Gegensatz zum Großteil der weißruthenischen national eingestellten Intelligenz, deren Forderungen gemäßigt waren.
Die Begründer dieser Partei, die im selben Jahre noch in „Belarusskaja Rewoljuzyjnaja Hramada” (Weißruthenischer Revolutionärer Verband) umgenannt wurde, waren die Studenten Anton und Iwan Lutzkewitsch, K. Kastrawicki, F. Stankewitsch u.a. In Wilna, Minsk und Petersburg wurden kleine Unterabteilungen begründet und Werke von Bahuschewitsch, Flugblätter usw. verbreitet.
Ihre Begründer standen der PPS. (Polnische Sozialistische Partei) nahe. Auf dem ersten Kongreß ihrer Partei in Minsk im Jahre 1903 wurde ein Programm angenommen, das dem der PPS. nachgebildet war, und beschlossen, für Weißruthenien eine Gebietsautonomie mit einem „Sejm” in Wilna anzustreben. Den auf weißruthenischem Territorium lebenden Minderheiten sollte volle nationale Kulturautonomie gewährt werden. Es wurde ferner beschlossen, das Projekt einer Agrarreform auszuarbeiten, das die entschädigungslose Enteignung und Aufteilung des privaten Großgrundbesitzes vorsah. Endlich wurde auf diesem Kongreß noch beschlossen, sich in „Belarusskaja Sozjalistytschnaja Hramada” (Weißruthenischer Sozialistischer Verband) umzubenennen.
Die radikalen Agrarreformpläne sind keineswegs durch eine ausgesprochen im bolschewistischen Fahrwasser segelnde politische bzw. weltanschauliche Einstellung dieser Gruppe zu erklären; sie müssen vielmehr aus den historisch erwachsenen agrarischen Verhältnissen in Weißruthenien verstanden werden. Seiner Mentalität nach ist das weißruthenische Bauernvolk keineswegs kommunistisch, es ist vielmehr, im Gegensatz zum Großrussen, ausgesprochen individualistisch eingestellt und seit undenklichen Zeiten an privates bäuerliches Eigentumsrecht und nicht an kollektivistische Besitzformen gewohnt. Der große Landhunger dieses bäuerlichen Volkes, der durch die agrarische Übervölkerung des ohnehin an landwirtschaftlicher Nutzfläche armen Landes bedingt ist, war der eine Grund zur Aufstellung dieses radikalen Agrarprojektes; der zweite Grund war die Tatsache, daß sich der weitaus überwiegende Teil des Großgrundbesitzes in den Händen von Polen bzw. vollkommen polonisierten weißruthenischen Adelsgeschlechtern befand. Die nationale und soziale Kluft zwischen dem polnischen Magnaten und dem weißruthenischen Kleinbauer war eben zu gewaltig.
Die auf Autonomie bzw. Umbau des rußländischen Reiches auf föderativer Grundlage hinzielenden Bestrebungen dieser weißruthenischen Kreise waren auch in nationaler Hinsicht gleichermaßen radikal, während die breite bäuerliche Masse allen diesen Bestrebungen damals noch vollkommen fern stand.
Die politische Aktivität der weißruthenischen Autonomisten ist in den Jahren des japanischen Krieges und der ersten Revolution im Zarenreiche gekennzeichnet durch das Suchen nach Bundesgenossen. Die Polen kamen in Anbetracht der Entnationalisierungsgefahr für die Weißruthenen nicht in Frage; es verblieben nur die Litauer, mit denen die Weißruthenen durch Jahrhunderte völkisch und politisch zusammengelebt hatten, sowie die Ukrainer. Auf verschiedenen Konferenzen der weißruthenischen nationalen und revolutionären Organisationen wird in den Jahren 1904 bis 1906 die Idee der Wiederaufrichtung des historischen Großfürstentums Litauen als einer litauisch-weißruthenischen Föderation wieder aufgenommen. Später, nach dem Zusammenbruch der Revolution, wird diese Idee zu einem „Dreibündnis” zwischen Weißruthenen, Ukrainern und Litauern erweitert und in der Zeitschrift „Nascha Niwa” (”Unser Acker”) propagiert. Besonderes Augenmerk wurde hierbei der kulturellen Annäherung der beiden Bruderstämme - der Weißruthenen und Ukrainer - gewidmet.
Der Chefredakteur der „Nascha Niwa”, Jan Lutzkewitsch, hält eine Reihe von Vorträgen vor ukrainischen Gesellschaften in Lemberg, und es gelingt ihm, das Haupt der ukrainischen Uniaten, Metropolit Szeptycki, für die weißruthenische Frage und Sache zu interessieren. Die Idee der eventuellen Wiedererrichtung einer uniierten Kirche in Weißruthenien als Bindeglied zum ukrainischen Uniatentum und Gegengewicht zur katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche wird erwogen. Der Metropolit Graf Szeptycki fährt aus Österreich in dieser illegalen Angelegenheit mit falschem Paß nach Rußland, ins weißruthenische Gebiet. Die Zarenregierung erhält jedoch Kenntnis von der Sache, und der Metropolit muß fluchtartig Rußland verlassen, wo bereits der Haftbefehl gegen ihn erlassen worden war14 .
Im Januar des Jahres 1906 fand der zweite Parteikongreß der Weißruthenischen Sozialistischen Hramada in Minsk statt, auf dem ein radikales Agrarreformprojekt (entschädigungslose Enteignung allen privaten Land- und Waldbesitzes usw.) angenommen wurde. In staatlicher Hinsicht wurde beschlossen, für eine Umwandlung des russischen Reiches in eine föderative demokratische Republik zu kämpfen, wobei eine weißruthenische Landesautonomie mit eigenem Sejm in Wilna vorgesehen wurde. Der Kongreß wählte ein Zentralkomitee mit den Brüdern A. und I. Luckewitsch, W. Iwanouski und A. Burbis an der Spitze.
Die „Weißruthenische Sozialistische Hramada” entsandte ihre Vertreter in den Revolutionsjahren 1904 und 1905 auch zu den Kongressen einiger revolutionärer und nationaler Minderheitsparteien Rußlands in Paris und Genf, an denen außerdem teilnahmen: die finnländische Partei der aktiven Verteidigung, die Polnische Sozialistische Partei, die lettische Sozialdemokratische Partei, die armenischen, georgischen und russischen Sozialrevolutionäre u.a.m.15
1907 wurden in Wilna weitere weißruthenische Organisationen, wie z.B. der „Weißruthenische Lehrerverband” und der „Verband der weißruthenischen Lehrerseminare”, ins Leben gerufen. Von größter Bedeutung jedoch für die weißruthenische nationale Bewegung wurde die zu Beginn des Jahres 1906 in Wilna begründete weißruthenische Wochenschrift „Nascha Dolja” (= „Unser Los”) oder richtiger die nach baldigem Verbot dieser Zeitschrift nachfolgend begründete Wochenschrift „Nascha Niwa” (= „Unser Acker”). Diese Zeitschrift erschien in zwei Ausgaben, eine in lateinischer Schrift für die katholischen und eine in russischer Schrift für die rechtgläubigen Weißruthenen. Sie war die „erste weißruthenische Zeitung für das werktätige Volk in Stadt und Land”.
Chefredakteur dieser ausgezeichneten kleinen Zeitschrift, die von einem kleinen Kreis weißruthenischer Intelligenzler redigiert wurde, war Anton Lutzkewitsch. In volkstümlicher Weise geschrieben und politisch sehr gewandt und vorsichtig gehalten, wurde sie bald zum Mittelpunkt der weißruthenischen nationalen Wiedergeburt. Daß es ihr gelungen war, auch in das weißruthenische Dorf und damit in das eigentliche weißruthenische Volk einzudringen, beweist die Tatsache, daß z.B. im Jahre 1910 allein fast 700 Korrespondenzen aus über 300 Ortschaften eingingen. Sie besaß im Gouvernement Wilna 229 Korrespondenten, im Gouvernement Minsk 208, im Gouvernement Grodno 114, im Gouvernement Mohilew 65 usw. Im gleichen Jahre wurden 60 belletristische Abhandlungen von 24 verschiedenen Autoren zum Abdruck gebracht16 . Im Jahre 1912 wurde nach einer Umfrage bei den Lesern, die eine Mehrheit für die kyrillische Schreibweise ergab, aus pekuniären Gründen auf diese Schrift übergegangen.
Außer der „Nascha Niwa” begann noch vor dem Weltkrieg in Wilna eine katholisch-klerikale weißruthenische Zeitschrift unter dem Titel „Bjelarusj” (”Weißruthenien”) zu erscheinen, desgleichen die studentische Zeitschrift „Ranica” (”Der Morgen”). In Minsk erschien von 1913 an eine landwirtschaftliche Vierteljahresschrift „Sacha” (”Der Hakenpflug”) und eine weißruthenische Zeitschrift für die Jugend „Lutschynka” (”Der Kienspan”). Es gelang dem weißruthenischen Verlagswesen und Buchhandel bis 1911 an die 200 000 weißruthenische Bücher und Broschüren abzusetzen, ein Beweis für das allmähliche Erwachen des weißruthenischen Volkes.
In einer Anzahl von Privatschulen in den Gouvernements Mohilew, Minsk und Wilna wurde Weißruthenisch als Unterrichtssprache eingeführt, was bekanntlich bis zur Revolution von 1905 verboten war.
Gleichzeitig taucht in nationalen weißruthenischen Kreisen wieder die Idee der Begründung einer weißruthenischen Nationalkirche auf im Sinne der Rückkehr zur Kirchenunion (griechisch-orthodoxer Ritus bei gleichzeitiger Anerkennung der Dogmen der katholischen Kirche und des Primates von Rom). Diese Idee stieß aber sowohl bei der griechisch-orthodoxen als auch bei der katholischen Geistlichkeit, die ihrer Nationalität nach vorwiegend nichtweißruthenischer Abstammung war, auf größten Widerstand - bei beiden nicht zuletzt auch aus politischen Gründen.
Neben diesen periodischen Zeitschriften wurde eine große Anzahl verschiedenster Broschüren und Bücher wissenschaftlichen wie auch belletristischen Charakters durch den 1906 in Petersburg begründeten weißruthenischen Verlag mit dem etwas langen Namen „Zaglanje Slontze i w nasche Akontze” (”Einst wird die Sonne auch in unser Fenster scheinen”) herausgebracht und verbreitet.
Russischerseits wurde - um separatistischen weißruthenischen Tendenzen den Wind aus den Segeln zu nehmen und die Bewegung in regierungstreues Fahrwasser zu lenken - einige Jahre vor dem Weltkriege eine „Weißruthenische Gesellschaft” ins Leben gerufen und eine russische Zeitung „Nordwestliches Leben” als Organ dieser Gesellschaft herausgegeben.
Gleichzeitig mit diesem Aufblühen des weißruthenischen Gedankens und Schrifttums tauchten auch neue Namen und Talente aus den Tiefen des weißruthenischen Bauernvolkes, die auf die politische Willensbildung des Weißruthenentums nicht ohne Einfluß blieben. Nationale Wiedergeburt und Dichtung sind nun mal in der Geschichte der Menschheit nicht voneinander zu trennen, das eine bedingt und fördert das andere.
In erster Linie ist hier der 1882 geborene Weißruthene Janka Lutzewitsch, Sohn eines armen Schljachtitzen und Landpächters, zu nennen, der unter dem Pseudonym Janka Kupala eine Reihe hervorragender lyrischer, epischer und dramatischer Werke volkstümlichen Inhalts in den Jahren von 1908 bis 1914 veröffentlichte. Er gilt als der Volkspoet der Weißruthenischen Sozialistischen Sowjetrepublik; seit 1920 lebte er in Minsk. Tiefe Liebe zu seinem armen Volk und Land, Leid um ihr tragisches Schicksal, Hoffnung auf eine lichtere Zukunft und erdverbundene bäuerliche Denkart sprechen aus seinen Werken, die wesentlich zur Wiedererweckung des Nationalbewußtseins beitrugen. Sein Gedicht „A chto tam idze” (”Wer kommt dort gegangen?”), vertont von Rogowski, wurde zu einer Art Nationalhymne der Weißruthenen.
Von gleicher Bedeutung für die nationale Wiedererweckung waren die Werke von Kostusj Mickewitsch (Pseudonym: Jakub Kolas), der in jüngster Vergangenheit ebenfalls in Minsk lebte.
Im Jahre 1911 wurde mit beachtenswertem Erfolg das erste weißruthenische Wandertheater begründet.
DIE VOLKSPOLITISCHE ENTWICKLUNG WÄHREND DES ERSTEN WELTKRIEGES BIS ZUM ZUSAMMENBRUCH RUSSLANDS
Der Ausbruch des Weltkrieges brachte dem weißruthenischen Volk und Land sehr bald unendliches Leid, das in seinen Folgen noch immer auf ihm lastet. Wurde es doch, beginnend von 1915, auf Jahre hinaus Kriegsgebiet und Schlachtfeld. Oft schon in seiner Geschichte war Weißruthenien Streitobjekt und Kampfgebiet seiner Nachbarvölker gewesen: der Feldzug der Polen gegen Moskau, der Feldzug des Zaren Aleksej Michailowitsch bis vor Grodno, der Nordische Krieg, die Feldzüge von Lascy, Münnich, Fürst Saltykow, Suworow, der Winterfeldzug des großen Korsen 1812, die polnischen Aufstände von 1831 und 1863, alle hatten sich teilweise oder ganz auf weißruthenischem Volksboden abgespielt.
Nach der siegreichen Winterschlacht in Masuren im Februar 1915 berührten die deutschen Truppen das erstemal weißruthenischen Volksboden. Mitte März verliefen die deutschen Stellungen der Grenze entlang über Tauroggen nach Südosten, über Schaki, Pilwischki, Mariampol, Krasnopol, Augustowo, von wo aus sie südlich auf den Bobr stießen und dessen Flußlauf folgten. Im April/Mai erfolgte die Eroberung des Gouvernements Kowno und Kurland. Am 3. September wurde Grodno, das letzte Glied des russischen Festungsgürtels und letzter Stützpunkt der Russen am Njemen (Memelfluß), erobert. Bereits am 13. September hatten die deutschen Truppen an mehreren Stellen die Bahnlinie Wilna—Dünaburg erreicht. Am 17. konnte die Einnahme von Widzy gemeldet werden, am 19.September wurde Wilna besetzt. Bei Dünaburg wurden die Russen bis dicht an die Stadt zurückgedrängt. Ende September kam es zur Einstellung der offensiven Operationen und zum Ausbau der Stellungen. Hinter dieser Frontlinie, die in der weißruthenischen Literatur allgemein als „die Linie der alten deutschen Okkupation” (im Gegensatz zu der von den deutschen Truppen während des Februarvormarsches 1918 erreichten Linie) bezeichnet wird, lag „das Land Ober-Ost”.
In diesem rund 110 000 qkm großen Bereiche des Oberbefehlshabers Ost, dem sogenannten Gebiet Ober-Ost, zu dem etwa 30 000 qkm mit weißruthenischer Bevölkerungsmehrheit (rund ein Zehntel des gesamten weißruthenischen Volksbodens) gehörten, wurde nun, eine viel zu wenig bekannte und gewürdigte Großtat deutscher Organisation, in kürzester Zeit eine Militärverwaltung aufgebaut, in deren Händen das Schicksal dieses Gebietes und seiner Bevölkerung und damit auch eines Teiles des weißruthenischen Volkes für die nächsten Jahre auch in politischer Hinsicht lag. Es muß hier daher auch ganz kurz auf den Aufbau dieser Militärverwaltung eingegangen werden.
Zur Bewältigung der politischen, verwaltungstechnischen und wirtschaftlichen Aufgaben wurden beim Stabe des Oberbefehlshabers Ost zuerst Verwaltungsabteilungen für die einzelnen Dienstfächer errichtet, die unter der Oberleitung des Oberbefehlshabers Ost, Generalfeldmarschall von Hindenburg, des Chefs des Generalstabes, General Ludendorf, und des Oberquartiermeisters die Verwaltungsgeschäfte des Landes bearbeiteten.
Nachdem diese oberste Landesinstanz, daneben eine mittlere in den Verwaltungschefs und eine örtliche in den Kreishauptleuten mit den ihnen zugeteilten Dienststellen, geschaffen worden war, wurde mit Gesetzeskraft eine einheitliche Verwaltungsordnung am 7. Juni 1916 durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg für seinen Befehlsbereich erlassen.
Daß die Militärverwaltung im erbitterten Daseinskampf des Deutschen Reiches in diesem eroberten Gebiet in erster Linie die Interessen des Reiches und erst in zweiter Linie die des Landes und seiner Bevölkerung zu vertreten hatte, war selbstverständlich; durch § 6 der Verwaltungsordnung wurde dieser Tatsache auch offen Rechnung getragen. Es hieß darin17 :
1. Aufgabe der Verwaltung ist die Herstellung und Erhaltung geordneter politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse im besetzten Gebiet.
2. Die Interessen des Heeres und des Deutschen Reiches gehen stets denen des besetzten Landes vor.
Dies muß denjenigen Vertretern der im ehemaligen Ober-Ost-Gebiet beheimateten Nationalitäten vor Augen gehalten werden, die damals oder auch heute noch mit dieser oder jener politischen oder wirtschaftlichen Maßnahme der deutschen Verwaltung rechten.
Es wurden insgesamt acht Verwaltungsabteilungen (Politische Abteilung, Finanzabteilung, Landwirtschaftsabteilung, Forstabteilung, Justizabteilung, Postabteilung, Handelsabteilung, Landeskulturabteilung) geschaffen, die als Abteilungen V bis XII zum Stabe des Oberbefehlshabers Ost gehörten und im einzelnen ähnlich wie Landesministerien gegliedert waren.
Für die Nationalitäten und damit auch für die Weißruthenen war die Politische Abteilung (Abteilung V) die wichtigste. Sie bearbeitete und leitete die gesamte Landesverwaltung, das Verordnungswesen und die politischen Fragen, insbesondere die Nationalitätenpolitik, und vermittelte auch den politischen Zusammenhang mit den obersten Heeres- und Reichsstellen.
Verwaltungstechnisch war das Gebiet in mehrere Verwaltungsbezirke gegliedert, die ihrerseits aus Stadt- und Landkreisen bestanden. Es wurden nach kurzer Übergangszeit mit sechs derartigen Bezirken folgende drei Verwaltungsbezirke geschaffen:
1. Militärverwaltung Kurland,
2. Militärverwaltung Litauen,
3. Militärverwaltung Bialystok-Grodno.
Für die weißruthenische Frage interessiert in erster Linie die Militärverwaltung Bialystok-Grodno, die mit ihren rund 26 000 qkm und 700 000 Einwohnern fast ausschließlich weißruthenischen Volksboden umfaßte, mit Ausnahme eines kleinen Streifens westlich Bialystok-Bjelsk. Wilna und das Gebiet östlich davon bis an die Frontlinie war, trotz vorwiegend weißruthenischer Besiedlung18 aus politischen Gründen der Militärverwaltung Litauen zugeteilt worden, ebenso ein vorwiegend polnisch besiedelter Südteil des Gouvernements Suwalki.
Wie war nun die Stellungnahme der Weißruthenen, Litauer und Polen zu den deutschen Okkupationsbehörden bzw. dem Deutschen Reiche und umgekehrt?
Es ist verständlich, daß die Abgeordneten dieser Völker in der russischen Duma zu Ausbruch des Krieges Loyalitätserklärungen abgaben. Besonders weit ging darin der litauische Duma-Abgeordnete M. Ytschas, der in seiner Rede am 8. August 1914 auf das deutsche Volk als den Erbfeind des litauischen hinzuweisen für nötig hielt und der Hoffnung Ausdruck gab, daß im Ergebnis des Krieges auch der deutsche Teil Litauens (damit sind die Grenzgebiete Ostpreußens gemeint) mit dem übrigen Litauen unter dem Zepter Rußlands vereint werden würden.
Alle die vielen Fremdvölker Rußlands hofften, im Falle des Sieges Rußlands und seiner Verbündeten wenigstens eine Selbstverwaltung für ihre Gebiete als Dank für ihr loyales Verhalten und ihre Blutopfer zu erhalten. In ihrer Stellungnahme zu den deutschen Okkupationsbehörden mußten daher die verantwortlichen Vertreter der Litauer, Weißruthenen und Polen besonders vorsichtig und taktisch richtig vorgehen.
Die zahlenmäßig ohnehin sehr geringe weißruthenische Intelligenz war, zusammen mit einigen hunderttausend Flüchtlingen aus dem Kriegsgebiet dieses Frontabschnittes, weit in das russische Hinterland geflüchtet und gewaltsam evakuiert worden, so daß im weißruthenischen Teil des Ober-Ost-Gebietes tatsächlich kaum ein halbes Dutzend aktiver Vertreter der weißruthenischen nationalen Bestrebungen übriggeblieben war. Diese Weißruthenen suchten ihre Politik mit derjenigen des litauischen Nachbarvolkes zu koordinieren, was in Anbetracht der Tatsache, daß die Litauer im Ober-Ost-Gebiet die überwiegende Mehrheit bildeten und in nationaler Hinsicht wesentlich aktiver und gefestigter waren, durchaus verständlich ist. Was waren nun die politischen Ziele der Litauer? War es die Wiederherstellung eines „Litauischen Großfürstentums” in etwa den alten Grenzen oder bloß die Errichtung eines litauischen Staatswesens bzw. eines autonomen litauischen Gebietes in den ethnographischen Grenzen unter enger Anlehnung an einen der großen Nachbarstaaten Deutschland oder Rußland? Die Litauer neigten im allgemeinen mehr der zweiten Version zu, weil sie ihnen eher realisierbar schien und außerdem nicht die Gefahr in sich barg, durch Einschluß eines zahlenmäßig viel stärkeren weißruthenischen Volkselements früher oder später auch die politische Führung in diesem neuen „Großfürstentum Litauen” an die Weißruthenen verlieren zu müssen. Sie befanden sich aber insofern in einer zwiespältigen Lage, als die von ihnen als Hauptstadt beanspruchte historische Hauptstadt Wilna in vorwiegend von Weißruthenen besiedeltem Grenzgebiet lag und sie außerdem den Einschluß weißruthenischer Teile der Gouvernements Wilna und Grodno in den neuen litauischen Staat für erforderlich hielten. Sie mußten daher, wenn auch nur dem Anschein nach, auf die Pläne der Weißruthenen bezüglich der Wiederaufrichtung des Großfürstentums in den alten historischen Grenzen eingehen, um sie geneigt zu machen, die Abtretung einiger Teile des weißruthenischen Volksbodens an den litauischen Staat in Kauf zu nehmen. Auch einem Teil der weißruthenischen Politiker mag es mit den Plänen der Errichtung des alten Großfürstentums Litauen nicht ernst gewesen sein, obgleich darin für das weißruthenische Volk, das sich in diesem Zweivölkerstaat zahlenmäßig in etwa dreifacher Überlegenheit befunden hätte, keine annähernd so großen Gefahrenmomente lagen wie für die Litauer. Diese weißruthenischen Politiker wollten nur eine Konföderation mit den Litauern, um die zur Zeit politisch günstigere Stellung der Litauer im Rahmen der deutschen Ostpolitik als Sprungbrett für die zukünftige Errichtung eines unabhängigen weißruthenischen Staatswesens auszunutzen.
So erklärt es sich, daß — moralisch gestärkt durch die Erklärung des deutschen Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg, daß „die von Rußland befreiten Länder nicht mehr unter das Joch Moskaus zurückkehren werden” — von weißruthenischer Seite die Initiative ausging, zusammen mit demokratischen litauischen, polnischen und auch jüdischen Kreisen das Banner der völligen staatlichen Unabhängigkeit des Weißruthenisch-Litauischen Landes, der Wiederherstellung des historischen Litauens zu erheben.
Ende des Jahres 1915 gelang es den Weißruthenen, in Wilna eine „Konföderation des Großfürstentums Litauen” unter Beteiligung litauischer, polnischer und jüdischer Kreise zu begründen; am 19. Dezember wurde von dieser „Konföderation” ein „Universal” in den vier Landessprachen erlassen, in welchem die ganze Bevölkerung aufgefordert wird, sich am Werk der Begründung einer Konföderation der weißruthenischen und litauischen Ländern zu beteiligen.
Im Februar 1916 folgte ein ebenfalls viersprachiger Aufruf, der die Ziele der Konföderation wie folgt präzisierte:
”l. Die litauisch-weißruthenischen Länder sollen bei dem neuen Aufbau eine unabhängige staatliche Einheit bilden mit einem Sejm in Wilna, der auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts gebildet werden soll, wobei allen Nationen, die in diesen obengenannten Ländern leben, ihre Rechte in vollem Umfange gewährleistet bleiben.
2. In die Grenzen der obengenannten Länder sollen zumindest alle die Länder. die jetzt von den deutschen Truppen eingenommen sind, das heißt die Gouvernements Kowno und Wilna, die weißruthenischen und litauischen Teile der Gouvernements Grodno und Suwalki, die litauischen Teile des Gouvernements Kurland sowie Teile des Gouvernements Minsk, die mit dem Wilnaschen Zentrum verbunden sind, eingeschlossen werden, und alle diese Länder sollen ein unteilbares Ganzes bilden.
3. Die Formen der inneren Struktur und die grundlegende Konstitution der zukünftigen freien litauisch-weißruthenischen staatlichen Einheit sollen nicht von oben aufoktroyiert werden, sondern durch einen konstituierenden Sejm in Wilna, der im Wege der allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahl gebildet wird, festgelegt und bestätigt werden.”
Wir sehen, daß im Passus „mindestens” des Punktes 2 bereits der Einschluß der übrigen weißruthenischen Länder vorgesehen und die Möglichkeit hierzu offengelassen worden ist.
Eine größere Bedeutung kam dieser Konföderation damals nicht zu, Begründung und Programm derselben sind aber sehr bezeichnend für die politischen Ziele und die Taktik der Weißruthenen.
In Wilna und umliegendem Gebiet waren inzwischen mit Duldung der deutschen Okkupationsbehörden noch Ende des Jahres 1915 weißruthenische Schulen eröffnet worden, und durch einen Erlaß von Hindenburg vom 1. Januar 1916 wurde die weißruthenische Sprache zugelassen und als gleichberechtigt mit den anderen Landessprachen anerkannt.
Im Februar 1916 wurde in Wilna eine weißruthenische Zeitung unter dem Titel „Homan” von den Brüdern Anton und Jan Lutzkewitsch und Waclaw Lastouski begründet, die als „Ausgabe A” in lateinischen und als „Ausgabe B” mit kyrillischen Buchstaben dreimal in der Woche erschien. Außerdem wurden ein „Weißruthenischer Klub” und ein „Weißruthenisches Komitee für Hilfeleistung an die durch den Krieg Geschädigten” sowie eine ganze Reihe weiterer weißruthenischer nationaler Organisationen wie zum Beispiel der „Zentralverband der weißruthenischen nationalen Organisationen”, der „Weißruthenische Lehrerverein”, eine „Wissenschaftliche Vereinigung” u.a. begründet. Von diesen Organisationen kam dem obengenannten „Weißruthenischen Komitee” insofern die größte Bedeutung zu, als deren Vertreter seitens der Okkupationsbehörden sozusagen als die berufenen Vertreter der nationalen weißruthenischen Belange angesehen wurden.
Seitens der deutschen Okkupationsbehörden wurden spezielle weißruthenische Lehrerkurse in Wilna und Swislotsch begründet, und auch sonst wurde in allen Hinsichten den weißruthenischen kulturellen und nationalen Belangen Rechnung getragen, soweit dies mit den deutschen Interessen vereinbar war.
Sehr bezeichnend für die prinzipiell positive Stellungnahme der deutschen Okkupationsbehörden dem weißruthenischen Volkstum gegenüber ist die Ersetzung der Bezeichnung „Weißrussen” durch „Weißruthenen” im amtlichen Sprachgebrauch sowie eine Erklärung, die zu diesem Anlaß im amtlichen Organ der Ober-Ost-Verwaltung gegeben wurde, in der es zum Schluß heißt: „Im Quellgebiet der Düna und des Njemen erwacht zu neuem völkischen Leben ein alteingesessenes Volk mit eigener Kultur und Sprache, die Weißruthenen.”
Das führende Organ der Weißruthenen, der „Homan”, stellte sich in einer Reihe von Artikeln offen auf den Standpunkt, daß die Wiedererrichtung des historischen Litauischen Großherzogtums notwendig sei; es folgte hierin also dem Programm der „Konföderation des Großfürstentums Litauen”. Besonders scharf war seine Stellungnahme gegen die hier zum Teil seit vielen Jahrhunderten eingesessenen Polen und deren Ansprüche auf diese Gebiete.
Die politischen Ziele und Forderungen der maßgebenden weißruthenischen Kreise in dem von den Deutschen besetzten Teil Weißrutheniens sind mehr oder weniger eindeutig in einer Eingabe formuliert, die im Dezember 1917 dem Chef der Militär-Verwaltung Litauen seitens weißruthenischer Organisationen übergeben wurde und an den Kanzler des Deutschen Reiches gerichtet ist. Darin wird das Verlangen des weißruthenischen Volkes begründet und zum Ausdruck gebracht, daß aus den weißruthenisch-litauischen Gebieten einschließlich der von den Deutschen unbesetzten ein unabhängiger Staat gebildet werden solle, „zusammengesetzt aus zwei autonomen völkisch-territorialen Einheiten: einer weißruthenischen und einer litauischen, in allerengster Verbindung mit Kurland”; der neue Staat würde sich selbstverständlich eng an die Vormacht an der Ostsee anlehnen.
Die Aktivität der Weißruthenen beschränkte sich aber nicht nur auf die okkupierten Teile Weißrutheniens bzw. das übrige Weißruthenien und das Russische Reich, sondern suchte auch im Auslande Fühlung mit anderen mehr oder weniger unterdrückten Völkern des russischen Vielvölkerstaates zu gewinnen und mit diesen gemeinsame Aktionen durchzuführen.
Als eine solche ist das Telegramm der „Liga der Fremdvölker Rußlands”, die sich in Stockholm konstituiert hatte, zu werten, das bereits am 9. Mai 1915 an den Präsidenten der Vereinigten Staaten abgesandt wurde und an dem sich auch Weißruthenen beteiligten. Das Telegramm hat folgenden Inhalt:
An den
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika
Mr. Woodrow Wilson
Washington
Herr Präsident!
In ringender Not wenden wir uns an Sie, Herr Präsident, als einen Vorkämpfer für Humanität und Gerechtigkeit und durch Sie an alle Menschenfreunde, um Sie wissen zu lassen, welch schweres Schicksal unsere Volks- und Glaubensgenossen durch Rußlands Verschulden ertragen müssen. — Wir wenden uns durch Sie, Herr Präsident, auch an Rußlands Verbündete, denn wir wissen, daß auch sie in ihrer Freiheitsliebe und ihrem Rechtsgefühl unsere Leiden unerträglich finden werden. Wir Angehörige der fremdstämmigen Nationen und Religionsgemeinschaften Rußlands klagen die russische Regierung vor der gesamten zivilisierten Welt an und rufen um Hilfe, um Schutz vor Vernichtung!
Wir Finnländer klagen (es folgen die einzelnen Klagen der Völker, und zwar in der Reihenfolge: Finnländer, Balten, Letten, Litauer, Weißruthenen, Polen, Juden, Ukrainer, Muselmanen, Georgier, von denen hier nur die Klage der Weißruthenen und der Schlußteil des Telegramms wiedergegeben sei. D. Verf.).
Wir Weißruthenen waren, bevor wir unter die Herrschaft der Russen fielen, ein Volk, das eigene Sprache, eigene Literatur, eigene nationale Kirche und eigenes Recht besaß. Während der 120 Jahre unserer Abhängigkeit hat Rußland uns systematisch unterdrückt, um unsere vollständige Entnationalisierung zu erreichen. Unsere nationale Kirche wurde vernichtet und die Staatsreligion durch rohe Gewalt uns aufgezwungen. Wir haben nicht mehr das Recht, auf weißruthenisch zu beten oder zu lernen. Als die russischen Truppen sich aus Westrußland zurückzogen, wurden Hunderttausende von Weißruthenen hinweggeschleppt. Dörfer und Städte wurden vernichtet, die Ernten zerstört und das Land in eine Wüste verwandelt ... So frevelt Rußland an uns, seinen eigenen Untertanen. Es hat jedes nationale Leben unterdrückt, es hat unsere lebendige Kultur vergiftet. Sittenlosigkeit und Bestechlichkeit hat Rußland an die Stelle von Zucht und Ehrlichkeit gesetzt, andersgläubige Religionen verfolgt, Aufschwung und Bildungsdrang unterdrückt und die Verdummung seiner eigenen Untertanen angestrebt.
Jetzt aber, während unsere Brüder für Rußland bluten und sterben (die Finnländer sind davon befreit), jetzt hat die russische Regierung ihrer Beamtenschaft völlige Freiheit gegeben, um ihre Zerstörungswut an unseren Wohnstätten auszulassen.
Wir beklagen uns nicht über die durch die Kriegsoperationen hervorgerufenen Schäden. Aber wir beklagen uns über die sinnlosen Zerstörungen, die aus reiner Lust an Raub und Mord und auf direkten Befehl verübt worden sind. Wir beklagen uns über die gemeinen Verdächtigungen eigener Untertanen, über das Einkerkern, Verschleppen, Verstoßen in Hunger, Elend und Not. Wir beklagen uns über das Hinsiechen und Sterben Tausender von Unschuldigen, von Greisen, Frauen und Kindern. Wir haben nicht vergessen, daß Millionen unserer Stammesgenossen sich noch in russischen Händen befinden, daß ihnen der Mund verschlossen ist und sie die fürchterlichsten Qualen still dulden müssen. Wir kennen auch die Gewohnheit der russischen Regierung, an wehrlosen Verwandten und Stammesangehörigen Rache zu nehmen, wenn sie ihren Haß an denen nicht kühlen kann, die die Wahrheit sagen.
Wir können heute nichts für die Unseren tun. Gott schütze sie!
Aber wir wissen auch, daß niemand von den Unseren mehr den Versprechungen der russischen Regierung Glauben schenkt. Nie werden unsere Nachkommen das Martyrium vergessen, daß Rußland über uns gebracht hat. Rußland hat Völker, die ihm zur Pflege anvertraut waren, geknechtet und verwahrlost und seine Macht dazu mißbraucht, um seine eigenen Untertanen zu martern und unseren Wohlstand auf Generationen hinaus zu vernichten. —
So hat Rußland selbst uns von sich gestoßen!
Und es wird auch später die Verfolgung unserer Stammesgenossen fortsetzen und nicht ruhen, bis das Ziel: Ausrottung der Nationen als Fremdkörper erreicht ist.
Darum rufen wir: Helft uns! Schützt uns vor der Vernichtung!
Liga der Fremdvölker Rußlands.
Konni Zilliacus, Samuli Sario, Baron Friedrich von der Ropp, Sylvio Brödrich, Litauisches Comité in Berlin, Dr. J. Daulys, A. Zmuldsinawicius, S. Kairys, W. Lastouski, J. Solowiej, Michel Lempicki, Mitglied der Duma, Waclaw Sieroszewski, Dr. S. Zabludowski, Dmytro Donzow, Ukrainische Gruppe in der Schweiz.
Kasy Abdul Rachid Ibrahim, Aga Ogli Achmed Bey, Aktchura Ogli Jussuf, Hussein Sade, Michel de Tsereteli.
Stockholm, 9. Mai 1915.
Tel.-Adr.: Stockholm Nationalliga.
Diese Darstellung der tatsächlichen Lage ist, dem Zweck entsprechend, im allgemeinen etwas zu kraß gehalten und geht in vielen Einzelheiten unbedingt fehl, enthält aber auch vieles Wahre19 . Sie wurde noch im selben Jahre, zusammen mit einer ausführlicheren Darstellung der Leiden jeder dieser Nationen, in Buchform in einer schwedischen und amerikanischen Ausgabe unter dem Titel „Kennen Sie Rußland?” (,,Do you know Russia”) von der Liga herausgegeben. Dieses Buch erschien auch in deutscher Sprache20 . Im Kapitel XI, S. 140 bis 145, werden unter der Überschrift: ,,Kennen Sie die Weißruthenen?” kurze Angaben über die Geschichte und Leiden dieses Volkes gebracht. Von diesen Ausführungen, die im wesentlichen bereits Bekanntes bringen, interessiert hier nur der Hinweis darauf, daß die Zarin Katharina II. den weißruthenischen Gebieten im Jahre 1793 bei ihrer Einverleibung in Rußland ausdrücklich „für sich und ihre Nachkommen den weißruthenischen Gebieten die Erhaltung der alten Bräuche, Rechte und Privilegien, im besonderen die Religionsfreiheit und Unantastbarkeit der kirchlichen und staatlichen Güter” zugesichert habe sowie die Tatsache, daß das Verbot weißruthenischer Druckerzeugnisse so streng durchgeführt worden ist, daß von 1793 bis 1905 außer zwei Katechismen kein einziges Buch in weißruthenischer Sprache erschienen sei.
Das ,,Weißruthenische Nationale Komitee” in Wilna entsandte seine Vertreter auf die erste Konferenz der Völker Rußlands in Stockholm und später auch auf die III. Konferenz in Lausanne, die auf dieser III. Konferenz der Liga der Fremdvölker Rußlands ebenfalls ein ausführliches Memorial zur Verlesung brachten, das mit folgenden Worten schließt21 :
”Jetzt, dank der III. Konferenz der Völker (Rußlands) haben wir das erstemal seit 120 Jahren die Gelegenheit, der ganzen zivilisierten Welt über unsere vollständige Entrechtung, die wir seitens Rußlands zu erdulden hatten, zu berichten. Wir erbitten Hilfe und Unterstützung bei den zivilisierten Völkern, um die Respektierung unserer nationalen und kulturellen Rechte erzwingen zu können. Endlich können wir hoffen, daß, wie auch immer der Ausgang des Krieges sein sollte, die Völker Europas uns helfen werden, Weißruthenien seine politischen und nationalen Rechte zu sichern, die unserem Volke die Möglichkeit bieten werden, seine intellektuellen, moralischen und ökonomischen Kräfte zu entwickeln, und daß diese Rechte uns die Möglichkeit geben werden, Herren auf unserem eigenen Lande zu werden.”
Gegen Ende des Jahres 1916 hatten die im geheimen ohne Genehmigung und Wissen der deutschen Okkupationsbehörden in Wilna existierenden Weißruthenischen und Litauischen Nationalen Komitees gemeinsame Verhandlungen zwecks Klärung der Möglichkeiten und Grundlagen eines staatlichen Zusammenlebens Weißrutheniens und Litauens eingeleitet. Die Litauer hatten hierbei eine solche Einteilung der administrativen Einheiten vorgeschlagen, daß Wilna administrativ zum litauischen Teil gehörte, dabei aber gemeinsame Hauptstadt des Reiches bleiben sollte, wobei den Weißruthenen dort gleiche Rechte eingeräumt werden : sollten.
Zu Beginn des Jahres 1917 jedoch änderten die Litauer plötzlich radikal ihre Politik; ihnen waren anscheinend von Berlin konkrete Vorschläge gemacht worden, in die Weißruthenien nicht mit einbezogen werden konnte, weil die deutsche Politik damals noch mit einem nationalen Zaren-Rußland rechnen mußte, das sich mit der Abtrennung Weißrutheniens nie abgefunden hätte. Deutschland wollte sich die Möglichkeit eines Separatfriedensschlusses im Osten offenhalten.
Für die Entwicklung der weißruthenischen Bewegung sollten die völkischen Bestrebungen im östlich von der Frontlinie gelegenen Teil des weißruthenischen Volksbodens entscheidender ins Gewicht fallen als die Handlungen und Beschlüsse der nationalen Kreise in dem von den deutschen Truppen okkupierten Teile Weißrutheniens. Sie waren und wurden wichtiger und entscheidender nicht allein deshalb, weil der noch unter russischer Herrschaft befindliche Teil Weißrutheniens zahlen- und flächenmäßig etwa viermal größer war als der von den Deutschen besetzte. Dorthin hatte sich auch der weitaus größere Teil der weißruthenischen nationalen Intelligenz mit den russischen Truppen zurückgezogen, deren Glieder ja zum Teil im russischen Heere dienten. Angesteckt und mitgerissen von der dem Bolschewismus zustrebenden Entwicklung in Rußland bildete sich drüben aus der Saat der international geleiteten oder beeinflußten weißruthenischen Gruppen und linken Abspaltungen der Keim zur späteren Entstehung der „Weißrussischen Sozialistischen Sowjet-Republik”.
Dem Gebot der Stunde und der Kriegs- und Flüchtlingsnot gehorchend, wurden östlich der Frontlinie zu allererst weißruthenische Hilfskomitees für die Flüchtlinge in Minsk und Petersburg eröffnet; um diese Kristallisationspunkte gruppierte sich dann die nationale und kulturelle Arbeit. In Petersburg wurden gegen Ende des Jahres 1916 zwei weißruthenische Zeitungen „Swietasz” (in lateinischer Schrift) und „Dsjannitza” herausgegeben, die jedoch bald wieder, infolge der sehr scharf gehandhabten russischen Zensur, eingingen. Es durfte beispielsweise nicht einmal das Wort „Weißrußland” verwendet, sondern es mußte stattdessen „unsere Heimat” geschrieben werden, eine harte, aber vom Standpunkt der russischen Regierung verständliche Maßnahme, um so mehr, als sich Rußland ja noch im Kriege befand und daher bestrebt sein mußte, das Aufkommen separatistischer Bestrebungen zu unterdrücken.
Die nationale weißruthenische Arbeit mußte sich hier auf charitative und kulturelle Tätigkeit sowie auf Abhaltung kleinerer politischer Zusammenkünfte beschränken und war fraglos in viel höherem Maße behindert als in dem von den deutscher Truppen besetzten weißruthenischen Gebiet.
1 Vgl. Professor E. Karskij, „Belorussy” (Die Weißrussen), Wilna 1904, Band I.
2 A. Spizyn, „Archäologische Übersicht über einige Gouvernements und Gebiete Rußlands”, Schriften der Kaiserlich Russischen Archäologischen Gesellschaft (russisch).
3 Ptolomaeus, Band III. 5, 5.
4 Tacitus, Germania XLVI.
5 Vgl. Professor Dr. Fr. Kruse, „Urgeschichte des esthnischen Volksstammes”, Moskau 1846, S. 158.
6 Herodot IV, 49.
7 Constantin Porphyrogennetos, „De Administrando Imperio”, Stritter II, 982, 985.
8 Der bekannte tschechische Gelehrte, Professor Ljubor Niederle, „Byt i kuljtura slavjan”, Prag 1924 (russisch), nennt als Urheimat der Slawen das Gebiet um das Polessje. J. Peisker dagegen bezeichnet in seinem Werke „Neue Grundlagen zur slawischen Altertumskunde”, Stuttgart 1910, das eigentliche Polessje als slawische Urheimat. (...)
9 Professor W.O. Kliutschewskij, „Geschichte Rußlands”, Berlin, Obelisken-Verlag, 1925, Band I (deutsche Übersetzung).
10 Die Geschichte der Goten schrieb Jordanis: „De origine actibusque Getarum”.
11 Schlözer, Nestor II, 105.
12 Vgl. „Iskry Skaryny”, Prag 1936, Nr. 3.
13 Vgl A. Luckewicz, „Narodowolcy-Bialorusiny i ich Organ ‘Homan’ in Pamiętnik VI. Powszechnego Zjazdu Historyków Polskich”. Wilno 17-20 Września 1935, Referaty. Lwów, 1935.
14 Vgl. die aufschlußreiche Broschüre des Polen Leon Wasilewski, „Litwa i Bialorus”, Warschau-Krakau, Verlag Mortkowicz, 1925, S. 124.
15 Vgl. Sammelwerk „Belarus” (Weißruthenien), herausgegeben von Stašeuski, Minsk, 1924, S. 181.
16 Vgl. W. Stankevič, „Die Schicksale der Völker Rußlands”, Berlin 1921, Verlag Ladyžnikov, S. 35 (russisch).
17 Vgl. „Das Land Ober-Ost”, Verlag der Presse-Abteilung Ober-Ost, Stuttgart/Berlin, 1917, S. 83.
18 Nach der Volkszählung 1897 gab es im Gouvernement Wilna 35,8 v.H. Weißruthenen, gegenüber nur 27,5 v.H. Litauern, 13,7 v.H. Polen und 6,6 v.H. Großrussen, außerdem 15,7 v.H. Juden; im Kreise Wilna des Gouvernements Wilna: Weißruthenen rund 94 000, Litauer 76 000, Polen 73 000, Juden 77 000, Großrussen 38 000, also in jedem Falle eine weißruthenische Mehrheit.
19 So zum Beispiel geschah die Vernichtung der Ernte vor den anrückenden deutschen Truppen seitens des russischen Militärs keineswegs aus Boshaftigkeit oder Zerstörungswut, sondern planmäßig und auf Ersuchen der Entente, um in Verfolg der von der Entente betriebenen Aushungerungspolitik Deutschlands den Deutschen keine Lebensmittelvorräte zufallen zu lassen.
20 „Kennen Sie Rußland?” Berlin, Puttkamer und Mühlbrecht, 1916.
21 Sammelheft der weißruthenischen Zeitung „Naša Niva”, Wilna 1920, S. 8—9. Die Zeitung ist im Jahre 1915 eingegangen.
Ïóáë³êóåööà íà ñàéöå ç ëàñêàâàé
çãîäû Àá'ÿäíàíüíÿ Villa
Sokrates