WEIßRUßLAND – LAND UND VOLK IM LEBEN UND SCHAFFEN VON EUGEN VON ENGELHARDT
Janka Shamojzin
Der Zweite Weltkrieg, wie auch die zahlreichen vorherigen Kriege in Mittel- und Osteuropa, verwandelte Weißrußland in einen Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen mit all ihren schlimmen Folgen. Seit dem Zerfall des Großfürstentums Litauen hinterließ jeder militärische Einfall, ausgenommen die kurzen Hoffnungsschimmer schwer erlangter Freiheit, deren Beispiel die Weißrussische Volksrepublik war, nur eines: Besetzung. Lediglich die Besatzer wechselten.
Die deutsche Besetzung in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts brachte den Weißrussen außer Terror und brutaler Befriedung aber auch, wie schon 1915, die Möglichkeit, sich auf dem Gebiete der Selbstverwaltung, der nationalen Bildung und Kultur in einem Maße zu artikulieren, das mit der Zeit der bisherigen fremden Herrscher des Landes in keinem Vergleich stand.
Die wenigen in der Stalin-Zeit am Leben gebliebenen Intelligenzler sowie ihre von der nationalistischen polnischen ND verschonten Überreste traten mit dem Einmarsch der deutschen Armee in Weißrußland in einen ungleichen Wettstreit um den Verwaltungs-, Bildungs- und Kultureinfluß mit den polnischen und russisch-bolschewistischen Elementargewalten, die durch illegale bewaffnete Kräfte gestützt wurden.
Im September 1942 führte mich das Schicksal aus dem vom polnischen Untergrund beherrschten Gebiet Lida nach Nawahradak, wo ich in der letzten Klasse der dortigen Schule die mittlere Reife erlangte und mein Abiturzeugnis bekam.
Nawahradak, Zentrum des Weißrussentums, mit viel weißrussischer aktiver Intelligenz, machte auf mich den Eindruck einer weißrussischen Enklave, wenn nicht – nach meinem damaligen Empfinden – einer weißrussischen Staatlichkeit unter deutscher Aufsicht. Das Verwaltungszentrum des Bezirkes hatte eine bedeutende Anzahl verschieden gekleideter deutscher Beamter und Militärs nach Nawahradak geworben. Einige von ihnen verhielten sich hochmütig-verächtlich, andere zeichneten sich durch respektvolles Wohlwollen gegenüber den Einheimischen aus.
Unvergleichlich in dieser Beziehung, geachtet und hochgeehrt unter der Jugend war unter anderen ein schon älterer Offizier im Rang eines (wenn ich mich nicht irre) Majors. Hochgewachsen, aufrecht und schlank, in einer irgendwie für die Wehrmacht untypischen Uniform (hohe Gamaschen, eine Mütze, die sich in ihrer Form von der üblichen Offiziersmütze unterschied). Im Verhalten zu den Mitmenschen war er immer ausgeglichen, rücksichtsvoll, irgendwie paßte er nicht in die übliche „Norm”. Uneingeweihten erschien er sogar wie ein Sonderling. Etwa so einen Eindruck machte Eugen von Engelhardt anfangs auf die am Leben und den Menschen interessierten Nawahradaker Schüler.
Seine Anwesenheit bei verschiedenen bescheidenen weißrussischen Veranstaltungen, darunter auch
mit jungen Leuten, sein wohlwollendes Verhalten ihnen gegenüber weckten um so mehr das Interesse
für seine geheimnisvolle Person.
Als ein „öffentliches Geheimnis” verbreitete jemand unter den älteren Schülern die Kunde, daß von Engelhardt, ein deutscher Adliger aus Kurland, ein großer Kenner Weißrußlands und des weißrussischen Volkes sei, der Autor einer historischen Abhandlung zu diesem Thema, die von ihm Anfang des Krieges privat herausgegeben wurde (die uns aber nicht bekannt war). In dem kleinen Nawahradak waren seine häufigen Kontakte zu weißrussischen Intellektuellen und Politikern, darunter zu dem ehemaligen Abgeordneten des polnischen Sejms, Wassil Rahulja, bald kein Geheimnis mehr. Unter den Eingeweihtesten ging das Gerücht um, daß von Engelhardt, ein früherer hoher Beamter im Range eines Ministers, ein überzeugter Anhänger der Unabhängigkeit von Weißrußland und der Ukraine gewesen sei. Doch diese Konzeption stand im Widerspruch zu den Ideen in „Mein Kampf” und rief die Unzufriedenheit des Führers hervor. Ihr Autor wurde seines Postens enthoben und kam nach Nawahradak, wo er Chef des „Forstschutzes” wurde. In dieser Stellung zeichnete er sich bald durch Zuneigung zu seinen Untergebenen, einheimischen Burschen, aus. Viele, die unter seinem Kommando standen, erhielten mit seiner Hilfe „Asyl”, als ihnen Gefahr seitens der bolschewistischen Partisanen oder der Abtransport zur Zwangsarbeit nach Deutschland drohten. Die Erinnerung daran ist bis heute unter diesen Leuten lebendig, wovon mir unter anderen einer seiner Untergebenen, Arkads Sazewitsch, geschrieben hat.
Das Geheimnis, warum von Engelhardt mit seinen Bewachern von gefährlichen wirtschaftlichen Ausflügen in den Wald von Naliboki und in andere umliegende Waldstrecken, die voller Partisanen waren, sicher zurückkehrte, liegt wahrscheinlich in seinem humanen Benehmen und seinem wohlwollenden Verhalten zu den Menschen. Unter den Partisanen waren gewiß viele Bewohner aus den umliegenden Dörfern, die über das rücksichtsvolle Verhalten dieses Offiziers zu den Einheimischen Bescheid wußten.
Besonderen Ruhm aber brachte von Engelhardt die 1943 unter schweren Kriegsbedingungen herausgegebene wissenschaftliche historisch-monographische Arbeit unter dem Titel „Weißruthenien. Volk und Land” ein. Die Begeisterung für das Werk des fremdländischen Autors, für die Gewissenhaftigkeit, Allseitigkeit der objektiv dokumentierten oder logisch bewiesenen Behauptungen, seine Einschätzungen von Fakten und Geschehnissen wurden zum Tagesgespräch unter den Lesern und überhaupt unter der älteren Jugend. Der Autor dieses Werkes wuchs in den Augen und Gefühlen der jungen Enthusiasten zum wahren Freund des weißrussischen Volkes. Diese Gefühle hatten auch im früheren Leben Eugen von Engelhardts ihre Begründung. Von Geburt an war er mit dem weißrussischen Milieu des Düna-Gebietes verbunden. Er kannte gut das Leben der Weißrussen, ihre Sitten, Traditionen, ihre Kultur und Sprache. Er war in gewissem Maße Teil- nehmer an jener Lebensart, Zeuge der Zuverlässigkeit und Gründlichkeit der Weißrussen, die schon seit Generationen auf seinem Gut arbeiteten.
1918, als er in den Militärstäben der deutschen Armee in Minsk und Orscha arbeitete, vertiefte er seine Kenntnisse von der Kultur sowie von der nationalen weißrussischen Bewegung und begann Materialien für eine Monographie über Weißrußland zu sammeln. An eine wissenschaftliche Abhandlung dieses Themas ging er aber erst in den 30er Jahren, nach einigen Jahren Aufenthalt in Australien. Beginnend mit der prähistorischen Periode der Bildung der Nation, festigt der Autor allmählich beim Leser die Überzeugung, daß die Weißrussen Nachkommen der Stämme der Kriwitschen, Radimitschen und Dryhwitschen sind, daß sie ihre eigenständigen Wurzeln haben, ihre seit Jahrhunderten geprägte Mentalität, frei von der euroasiatischen, die den Russen eigen ist, daß sie kein Zweig der „großrussischen” Nation sind, trotz sich ähnelnder slawischer Besonderheiten. Weiter zeigt er – unter Heranziehung historischer Quellen –, wie im 13. Jahrhundert der Name Weißrußland aufkam: deutsch – Weißruthenien, polnisch – Białoruś, später auch französisch – Russie Blanche. Der im Werk beschriebene Prozeß des Vordringens der materiellen Kultur in die weißrussischen Lande in Form von Handwerk und bald von Rechts- und Verwaltungssystem (am Beispiel der Einführung des Magdeburger Rechts in Wilna 1387 und in mehreren weißrussischen Städten im 15. Jahrhundert) läßt ein Bild des Einflusses vom Westen auf die Entwicklung der Zivilisation in Weißrußland erstehen. Die Hervorhebung des Prozesses der Herausbildung einer dem weißrussischen Volk eigenen Kultur und Staatlichkeit und später der Dominanz der weißrussischen Sprache, des Schrifttums und der Rechtspflege im Großfürstentum Litauen und nicht nur da rief insbesondere unter der Jugend ein Prestigegefühl sowie Zuversicht auf eine unabhängige Geschichte des Landes und des Volkes hervor.
Die Betonung des Einflusses der Reformationsideen auf die Verbreitung der weißrussischen Sprache und Kultur, vor allem im konfessionellen Leben, sowie der Bedeutung solcher Persönlichkeiten der Reformation wie F. Skaryna, S. Budny, W. Zjapinski und anderer, ihrer Beziehungen zu den Errungenschaften der westlichen, insbesondere der deutschen Kultur, über M. Luther, Th. Müntzer, H. Sachs und andere brachte einen neuen, frischen Blick auf diese Angelegenheit. Die in diesem Buch angeführten statistischen Angaben über das Ausmaß und die Chronologie des Eindringens des Protestantismus nach Weißrußland gaben die Erklärung für das scheinbar unverständliche Bestreben der Radziwiłłs – Mikołaj Krzysztof des Schwarzen und Mikołaj des Roten –, die protestantische Konfession in Weißrußland einzuführen – als nationale Konfession, frei vom polonisierenden Einfluß der Jesuiten.
Die scharfsinnige Beschreibung des Polonisierungsprozesses als Folge der Lubliner Union von 1569, des Jesuitenwirkens in dieser Richtung, der wirtschaftlichen Unterdrückung und später der allmählichen Russifizierung unter der Macht des russischen Kaiserreichs seit 1772 bis zum Verbot der weißrussischen Presse und letztendlich des Namens Weißrußland selbst, machte den Kontrast zwischen den Resultaten des vom Autor verfolgten Einflusses auf Weißrußland vom Westen und vom Osten deutlich. Diese Fakten riefen einen Streit hervor in der kritischen Frage der „Brüderlichkeit der slawischen Völker”, die bis heute ihre Aktualität nicht eingebüßt hat.
Das Obenangeführte ist nur ein Teil jener Probleme, die in der Diskussion um dieses für die Geschichte von Weißrußland und dem weißrussischen Volk so wichtige Werk des unabhängigen Wissenschaftlers Eugen von Engelhardt aufkamen.
Die sprachliche Barriere beschränkte natürlich die Möglichkeiten einer weiten Verbreitung des vollständigen Inhalts dieses Buches, aber es trug wesentlich dazu bei, Diskussionen über die strittigen Probleme einzuleiten mit den Kennern der Bearbeitungen von J. Karski, M. Downar-Sapolski, W. Lastouski, U. Ihnatouski und anderen, ohne einige Historiker der „brüderlichen Slawen” zu erwähnen, die keine Anhänger des Objektivismus waren.
Übersetzung: Uladsimir Tschapeha
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