|
MEIN WEG NACH BELARUS’
Ferdinand Neureiter
Von klein auf interessierte ich mich für Fremdsprachen, besonders die weniger bekannten, und so kaufte ich mir schon als Vierzehnjähriger ein Büchlein „Russisch für Soldaten”, das ich fleißig zu studieren begann. Meine Eltern hielten dies jedoch für Zeitverschwendung und lenkten mich auf englisch und französisch um. Ich habe dies nicht bereut, da mir meine französischen Sprachkenntnisse die Kriegsgefangenschaft ersparten und ich dank meiner Englischkenntnisse ein Stipendium in die Vereinigten Staaten erhielt und später eine junge Engländerin kennenlernte, die seit 45 Jahren meine Frau ist.
Unterschwellig habe ich jedoch auf meine Jugendliebe nicht vergessen und als ich kurz nach dem zweiten Weltkrieg in einem Wiener Antiquariat ein kleines Büchlein mit dem Titel „Weißruthenischer Sprachhelfer mit besonderer Berücksichtigung der ländlichen Verhält- nisse” von Hans zur Loye (Berlin 1942) sah, kaufte ich es für ein paar Groschen (heute beneidet mich sogar die Francis Skaryna Library in London darum). Es handelt sich um ein Gesprächsbuch für den Umgang mit Fremdarbeitern. Mit Höflichkeitsfloskeln hält man sich nicht lange auf, es herrschen Sätze wie „wasch dich” (ìû¢ñÿ), „melde dich beim Auf- sichtsposten „(çàìàëüäóéñÿ ¢ ëÿãåðíàãà íàãëÿä÷ûêà), „Abort reinigen” (à÷ûñüö³öü àäõîæóþ) und ähnliche vor. Es war dies mein erstes weißrussisches Buch.
Anfang der sechziger Jahre begann ich dann mich intensiv mit dem Kaschubischen und Polnischen zu beschäftigen, lernte polnisch und erwarb mir mit der Zeit so viel Wissen über die polnische Literatur und Kultur, dass ich mich veranlasst fühlte, an der Salzburger Volkshochschule einen Kurs mit dem Titel „die weniger bekannten Völker Europas” abzuhalten. Dabei konnte ich mich natürlich nicht nur mit Polen befassen, sondern mußte auch andere Völker wie Slowaken, Ukrainer, Slowenen und natürlich auch Weißrussen einbeziehen. Diese Letzteren stellten eine besondere Herausforderung dar, da es praktisch kein Material gab, auf das ich mich stützen konnte. Bezüglich der Geschichte des Landes verließ ich mich auf Eugen von Engelhardts Buch „Weißruthenien” (Berlin 1943) und erwarb bei der auf osteuropäische Literatur spezialisierten Buchhandlung Kubon & Sagner in München den Band „Janka Kupala” von Michael Moskalik (München 1961). Hier gab es einige Prosaübersetzungen ins Deutsche, die mir aber nicht gefielen. Außerdem erwarb ich eine Reihe von weißrussisch gedruckten Büchern, die in den fünfziger Jahren von Emigrantenkreisen in München herausgegeben wurden. Da ich meinen Hörern doch eine Vorstellung von der weißrusssischen Poesie bieten wollte, begann ich in Ermangelung vor- handener Übersetzungen selbst einige Texte ins Deutsche zu übertragen. Hierbei hatte ich die größten Schwierigkeiten, da es nirgends auf der Welt ein weißrussisch-englisches, deutsches, französisches, ja sogar polnisches Wörterbuch gibt, das diesen Namen verdient. Da mein Russisch über „ÿ ãîâîðþ î÷åíü ïëîõî ïî-ðóññêèé” nicht hinausgeht, mußte ich mir mit einem weißrussisch-russischen Wörterbuch behelfen und jedes Wort zuerst im weißrussisch-russischen und dann im russisch-deutschen Wörterbuch nachsuchen. Trotzdem konnte ich ein paar „künstlerische” Übersetzungen aus der weißrussischen Dichtung fertig- stellen, die ich diesen Zeilen beilege.
In der Zwischenzeit vernachlässigte ich die Kaschuben nicht und gab Anfang der siebziger Jahre die erste Anthologie der kaschubischen Literatur überhaupt heraus. Diese kam Vater Nadson von der Francis Skaryna Library zu Gesicht und er meinte, dass auch die Weiß- russen eine solche Anthologie im deutschen Sprachraum benötigen würden und überredete mich, die Zusammenstellung einer solchen zu versuchen. Der Verleger war einverstanden und meinte nur, man solle dem Buch ruhig anmerken, dass es im Westen erschienen ist, es solle aber kein nationalistisches Pamphlet werden. Dank der unermüdlichen und allumfassen- den Hilfe von Vater Nadson ist es dann 1983 erschienen und wurde auch in Weißrussland dank einer Rezension von Prof. Adam Maldzis zur Kenntnis genommen. Es wurde zwar darauf hingewiesen, dass das Buch einige wertlose Emigranten enthält, diese wurden aber namentlich angeführt, so dass der weißrussische Leser vielleicht erstmalig von ihrer Existenz erfuhr. In Polen hat Herr Latyszonak mit Recht kritisiert, dass ich die „Pahonia” von Maksim Bahdanowič aus Furcht vor allzuviel Nationalismus nicht aufgenommen hatte. Heute weiß ich, dass das Gedicht hätte aufgenommen werden müssen.
Im Jahre 1985 ersuchte mich der damals in Leimen bei Heidelberg lebende, leider inzwischen verstorbene weißrussische Patriot Juri Popka (Pseudonym Juri Živiza) seinen Roman „Ñâåö³öü ó òóìàíå” ins Deutsche zu übersetzen. Ich tat dies gern und er erschien unter dem Titel „Licht im Nebel”. Mit dieser Arbeit verdient ich sogar etwas Geld, das erste (und letzte), das mir das Weißrussische eingebracht hat.
Von der Anthologie erfuhr auch Herr U. Sakalouski von der Weißrussischen Akademie der Wissenschaften und lud u.a. auch mich – als dies nach dem Zerfall der Sowjetunion möglich wurde – im Jahre 1990 zu einer Konferenz nach Minsk ein. Die Aufbruchsstimmung, die Begeisterung für die weißrussische Sprache und Kultur waren damals mitreißend und wir alle dachten, dass jetzt eine Zeit der blühenden Entwicklung, auch wirtschaftlich, kommen würde. Schon die nächste Konferenz in Minsk, an der ich teilnahm, zeigte jedoch, dass dem nicht so war. Das Russische war schon zu tief verankert, als dass man es hätte verdrängen können und das Nationalbewußtsein der Weißrussen war im Laufe der letzte zweihundert Jahre verkümmert. Ich gewann den Eindruck, dass der Durchschnitts-Weißrusse das Weiß- russische für eine Bauernsprache hält, deren er sich schämt. Anläßlich einer Zusammenkunft mit Studenten des Weißrussischen an der Universität Minsk fragte ich, wer zu Hause mit seinen Eltern weißrussisch spricht. Die Antwort war ernüchternd: niemand. Die folgende Anekdote schildert die Situation sehr treffend: Minsk, eine Menschenschlange wartet auf Taxis. Ein Mann kommt hinzu und fragt: „ßê äî¢ãà ÿ ïàâ³íåí òóò ÷àêàöü?” Die Anwort lautet: „Íå äîëãî, ïîòîìó ÷òî ìû óñòóïàåì èíîñòðàíöàì î÷åðåäü” (auf die weiß- russisch gestellte Frage „wie lange muß ich hier warten”, kommt die russische Antwort: „Nicht lange, denn wir lassen Ausländer vor”). Hinzu kommt noch die politische Isolierung Weißrusslands, so dass ich bezüglich der Überlebens-Chancen der weiß- russischen Literatur und Kultur in Weißrussland pessimistisch bin. Ermutigt werde ich nur durch das Wissen, dass es auf der Welt Zentren echten weißrussischen Wesens gibt wie die Francis Skaryna Library in London unter Leitung von Vater Nadson und die Villa Sokrates mit dem kämpferischen Sokrat Janowicz in Krynki (Polen) an der Spitze, den meine Frau und ich besuchen durften und hierbei viel über die Probleme der weißrussischen Minderheit in Polen erfuhren. Auf ihren Schultern lastet jetzt das künftige Schicksal des Weißrussischen. Ich selbst bin infolge meines vorgerückten Alters (Jahrgang 1928) kein Hoffnungsträger mehr.
Persönlich hat die Begegnung mit Weißrussland meine Familie ungemein bereichert: Anläß- lich der Konferenz im Jahre 1990 habe ich Frau Ludmila Chryschtschanowitsch von der Universität Minsk und deren Tochter Natalia kennengelernt und im Jahr darauf nach Österreich eingeladen. Natalia ist nun schon seit fast 9 Jahren die Frau meines jüngeren Sohnes und hat uns bereits zwei reizende Enkel geschenkt (im Juni kommt der Dritte). Außerdem konnte ich viele interessante Menschen kennenlernen und auch in meinem Haus in Österreich begrüßen wie die Professoren Adam Suprun und seine Gattin Anna Klimenko, U. Sakalouski, L. Schakun und andere. Ich bereue keine Minute, die ich mit dem Weißrussischen verbracht habe.
Ïóáë³êóåööà íà ñàéöå ç ëàñêàâàé
çãîäû Àá'ÿäíàíüíÿ Villa
Sokrates
|