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Die ideologischen Grundlagen des weißrussischen Staatswesens
Ryszard Radzik
Im Frühjahr 2004 erschien in Minsk ein akademisches Lehrbuch unter dem Titel „Die Grundlagen der Ideologie des weißrussischen Staates“.[1] Der ziemlich großformatige Band enthält knapp 500 Seiten Text in russischer Sprache. Er erschien im Verlag der Verwaltungsakademie am Präsidenten der Republik Weißrussland. Im „Vorwort“ ist zu lesen: „Die Ideologie soll zunächst den weltanschaulichen Kern enthalten.“ Nach der Auffassung der Autoren wird dieser Kern durch den Begriff der weißrussischen Staatsbürgerschaft, das nationale Bewusstsein und den Patriotismus gebildet (S. 4). Noch bevor man die Seiten dieses Buches aufschlägt, kann man sich die folgende Frage stellen: Ist es in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zulässig, dass man der akademischen Jugend, also der künftigen Elite des Landes, die Pflicht auferlegt, nur eine, ideologisch durchdrungene Vision, welche die Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens des Landes erfasst, zu internalisieren? Im Kontext dieser Frage wird davon ausgegangen, dass diese Vision im Lehrbuch ein kohärentes Ganzes bildet und keine Auseinandersetzung zwischen Anhängern verschiedener ideologischer Optionen darstellt. Wenn ein solches Lehrbuch ein Instrument politischer und ideologischer Indoktrinierung der Gesellschaft ist, muss die Antwort auf die hier gestellte Frage negativ ausfallen.
Die Besonderheit der weißrussischen Gesellschaft (sie bildet einen zwingenden Kontext bei der Besprechung des Lehrbuches) erfordert jedoch – wie ich meine – eine gewisse Vertiefung in die weißrussische Wirklichkeit. Die klar überragende Mehrheit der Gesellschaften in Europa bildete sich in den letzten zwei Jahrhunderten als moderne Gemeinschaften in Anlehnung an die Idee der Nation heraus. Die nationalen Werte sicherten den Zusammenhalt dieser Gesellschaften, hierarchisierten (zumindest partiell) die Ziele der individuellen und kollektiven Aktivitäten, statteten die Gesellschaften mit einem Raum der Emotionen aus, bewogen sie zu einem Wettbewerb mit anderen Nationen und – was damit zusammenhängt – zur Bereitschaft für Aufopferungen im Zuge der Verwirklichung nationaler Interessen. Kulturnationen (wie etwa die Slowaken, Esten, Letten) formten sich rund um die eigene ethnische Kultur herum, insbesondere um die Sprache. Die politischen Nationen taten dies rund um die seit Jahrhunderten bestehenden staatlichen Strukturen und um die Tradition einer Loyalität gegenüber dem Staat herum, der ihnen im Laufe der Entwicklung in der Regel demokratische und wirtschaftliche Freiheiten gewährte. Den Weißrussen erlaubte man nicht, dass sie zu einer Nation werden. Es standen dahinter zunächst in der Zeit des Zarenimperiums und später der Sowjetunion die Russen und in der Zeit der zweiten polnischen Republik, zwischen den beiden Weltkriegen, die Polen. Die Weißrussen verfügen ebenfalls über keine starke Tradition eines ganz souveränen eigenen Staates. Die Weißrussen und die Ukrainer (aus der östlichen Ukraine und in hohem Grade auch aus dem mittleren Teil dieses Landes) bildeten sich im 20. Jahrhundert zu modernen Gesellschaften heraus, indem sie sich um Werte sowjetischen Typus gruppierten. Das Weißrussentum errichtete man auf einer bäuerlichen Grundlage, die von konservativen Werten und Verhaltensweisen durchdrungen war, mit der Neigung zum Sicheinschließen im Bereich des Hergebrachten. Es verbergen sich hinter ihm Millionen von Menschen des Typs homo sovieticus. Das weißrussische Zusammengehörigkeitsgefühl ist schwach und es kann ansonsten im Fall der Weißrussen fast kaum eine Rede von einer modernen nationalen Gemeinschaft europäischen Typus sein. Die Eigenstaatlichkeit erlangten sie sozusagen durch Zufall, ohne dass sie davon geträumt oder aber – sei es auch nur unblutig – gekämpft hätten. Alles kam über sie quasi in der Folge historischer Turbulenzen, deren Zeuge Europa zu Beginn der 1990er Jahre war. Die Weißrussen waren damals nicht so wie etwa die Polen bereit, sich im Namen übergeordneter nationaler Interessen massenhaft aufzuopfern bzw. sich zu Massenprotesten aufzuschwingen.
Nichtsdestoweniger entstanden in Weißrussland nach 13 Jahren formaler Unabhängigkeit politische, wirtschaftliche und zuweilen auch nationale Gruppierungen, die am Fortbestand des weißrussischen Staatswesens interessiert sind. Die Machtausübung im eigenen Staat ist ja etwas Anderes als die Verwaltung eines russischen Gouvernements. Denkbar ist also eine Situation, in der die Behörden des Landes zum Schluss kommen, dass die Gesellschaft ein ideologisches Bindemittel nötig habe, das starke Bindungen aufbauen und die Gesellschaft in ein Subjekt sich und den Nachbarn gegenüber verwandeln würde. Dies würde zur Stärkung des Staatswesens beitragen und den Staat mit dem Kontext der Autotelie versehen. Die staatliche Ideologie könnte dann nicht – wie es dem sowjetischen Modell entspräche – als ein Mittel der Herrschaft über die Gesellschaft dienen. Sie könnte auch nicht die sowjetischen Muster nachahmen – weder inhaltlich noch in der Art der Verbreitung – denn eben das sowjetische Erbe bildet den Hintergrund der Schwäche der weißrussischen gemeinschaftlichen Bezüge. Obwohl man also vermuten kann, dass die Idee des Lehrbuches sowjetischer Provenienz ist, kann man sich andererseits vorstellen, dass sein Inhalt zur authentischen Errichtung einer modernen, starken Gemeinschaft der Weißrussen beitragen könnte. Es handelte sich hier vielleicht um die Schaffung einer Nation politischen Typs, was sicherlich kein leichtes Unterfangen wäre. Bereits im letzten Satz des „Vorwortes“ können wir jedoch über einen Dialog „der Behörden mit der Bevölkerung“ lesen (S. 5). Inwieweit soll diese „Bevölkerung“ ein Subjekt sein, das die Machtausübung kreiert, und inwieweit ein Instrument eines Spiels um die Macht? Inwieweit soll sie eine Nation nach dem europäischen Verständnis sein und inwieweit nur eine „Bevölkerung“, die man (entsprechend der russischen Tradition) sowjetisch behandelt und über die die vlast herrscht?
Im Buch findet man Texte von 23 Autoren. Es setzt sich aus vier Teilen zusammen. Der erste Teil trägt den Titel: „Theorie und Methodologie ideologischer Prozesse“, der zweite – „Die Dynamik ideologischer Prozesse“, der dritte – „Staatliche Einrichtungen und ideologische Prozesse“ und der vierte – „Die Politik des Staates im ideologischen Bereich“. Ein jeder Teil wurde in mehrere Kapitel unterteilt (insgesamt gibt es 20 Kapitel). Das Verzeichnis der Autoren enthält (nach dem sowjetischen Muster) neben den Nachnamen nur die Anfangsbuchstaben der Vornamen und die otschestva, was den Leser manchmal daran hindert, ihr Geschlecht zu erkennen. Das erste Kapitel, von S. W. Reschetnikov, ist eine Einleitung in die Problematik des Lehrbuches, zum Teil werden hier die Grundbegriffe präsentiert. Es sticht in der ganzen Arbeit positiv hervor. Man findet in ihm die richtige Feststellung, dass das alte Wertesystem, das die sowjetische Gesellschaft konsolidierte, zerfallen ist. Neue Systeme sind politisch und ideologisch differenzierter. „Ein Wert, der in sich ein Konsolidierungspotenzial birgt, kann der unabhängige weißrussische Staat werden“ (S. 19). Seine Ideologie soll aus zentristischen Werten bestehen (S. 19), „die Standards der Menschenrechte und des Rechts an sich“ enthalten (S. 21). „Die Form des Bestands unserer ideologischen Doktrin – schreibt S. W. Reschetnikov – ist die nationale Idee. Der Hauptinhalt der weißrussischen nationalen Idee sind solche fundamentalen Begriffe wie: allgemeine menschliche und christliche Werte, national-staatliches Bewusstsein, Staatsbürgerschaft, Patriotismus“ (S. 21). Im Text findet man ebenfalls solche Begriffe wie: das nationale Interesse und die nationale Sicherheit. Die Erörterungen in diesem Kapitel ließen die Hoffnung aufwachen, dass die angeführten Begriffe auf weiteren Seiten des Buches inhaltlich konkret vertieft und auf die weißrussische Wirklichkeit bezogen werden.
Eine Enttäuschung diesbezüglich erleben wir bereits im Kapitel 2, von N. S. Staschkevitsch, das den Quellen der Ideologie des weißrussischen Staatswesens gewidmet ist. Wir haben hier mit einem typischen (post)sowjetischen Agitationstext zu tun, mit dem eindeutig dem politischen Bedarf entsprochen wird. Ziemlich freizügig wir hier die Geschichte behandelt und der Leitgedanke des Textes vertritt mit Sicherheit weder das staatliche noch das nationale Interesse Weißrusslands. Dieser Text ist in unseren Erörterungen ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit wegen der Bedeutung der Problematik, die in ihm besprochen wird, und wegen in ihm enthaltener ideologischer Kennzeichen, die für weißrussische politische Eliten sowjetischer Provenienz typisch sind. Er trägt zum großen Teil historischen Charakter. Viele Passagen gelten dem Verhältnis Weißrusslands einerseits zu Polen (Westen) und andererseits – hier wird der Autor ziemlich weitläufig – zu Russland. Vereinfacht gesagt vertritt der Autor die Ansicht, dass das Land von Polen nur Böses und von Russland fast nur Gutes erfahren habe. Über die Lubliner Union schreibt er: „eine tragische Karte in der Geschichte unseres Volkes“ (S. 27). Die damalige polnische Republik ist für ihn „ein Staat, der an der Entwicklung der Weißrussen zu einem autonomen Volk nicht das mindeste Interesse hatte“. Mehr noch – der polnische Staat habe alles dafür getan, dass aus dem Gedächtnis der Weißrussen ihre ethnische Zugehörigkeit ausradiert wird. „Eben in jener Zeit wurde den meisten Weißrussen bewusst, dass sie für ihren Fortbestand als Ethnie und für ihre weitere historische Entwicklung sich auf ihre gesamtrussischen Wurzeln, auf die Ursprünge ihres Staatswesens besinnen sollen“ (S. 27). Die Neigung der Polen zum Expansionismus gegenüber den Weißrussen in der Zeit der Teilungen Polens begründet N. S. Staschkevitsch damit, dass er sich auf Ludwik Górski und Henryk Sienkiewicz bezieht (S. 25). Starke Seiten des hier besprochenen Textes sind Ahistorismus und Präsentismus.
Sichtbar ist das besonders dann, wenn man das Verhältnis des Autors zu Polen mit der präsentierten Vision von Russland und der UdSSR vergleicht. Die Zeit der Existenz Weißrusslands als Bestandteil des russischen Staates wird als historisch eindeutig positiv bewertet. „Erst in den Grenzen des russischen Staates kam es zu einer Wiedergeburt der weißrussischen nationalen Tradition, Kultur und Literatursprache“ (S. 27). Man schreibt also, dass die Lubliner Union eine Tragödie des weißrussischen Volkes gewesen sei, ohne merken zu wollen, dass ihr Abschluss ein freiwilliger Akt war und dass die weißrussischen Bojaren gern in den Genuss von den rechtlich-politischen Freiheiten kommen wollten, die ein Privileg des polnischen Adels waren. Man schreibt den Polen expansionistische Gelüste gegenüber den Weißrussen in einer Zeit zu, als die polnische Republik durch Russland besetzt war. Seit dem Fall des Januaraufstandes von 1863 bis 1904 konnten die polnischen Schulen nicht funktionieren und öffentliche Reden in der polnischen Sprache waren verboten. Über den mit Gewalt durchgesetzten Anschluss der weißrussischen Gebiete an das Imperium der Zaren schreibt man parallel mit schlichter Knappheit: „als Weißrussland bereits in den Grenzen des russischen Staates lag“ – ohne auch nur ein Wort dem Aufstand von Kościuszko (1794), dem Novemberaufstand (1830) und dem Januaraufstand (1863) zu widmen. Dieser Letztere zumindest wurde ja doch in der offiziellen weißrussischen Historiographie zumindest zum Teil auch als ein weißrussischer Aufstand behandelt. Das Vorgeben, dass die Wiedergeburt der weißrussischen Literatursprache und Kultur dank der Eingliederung der weißrussischen Gebiete in das Zarenreich möglich wurde, ist als eine ausgesprochen tendenziöse Behandlung der Geschichte des eigenen (?) Vaterlandes einzustufen. Die Russen ließen in Wirklichkeit niemals eine Entstehung des weißrussischen Schulwesens zu, sie schlossen auch die kleinen Schulen, welche die polnischen Gutsbesitzer in den 1860er Jahren für die Kinder der weißrussischen Bauern organisierten. Der Druck der Literatur in der weißrussischen Sprache war praktisch verboten (vor dem Januaraufstand durfte man dabei keine lateinischen Lettern verwenden, nach dem Aufstand auch keine kyrillischen). Mehr noch: Die Schöpfer der weißrussischen Literatur waren im 19. Jahrhundert ausschließlich Personen aus den polnischen Kulturkreisen (Katholiken), die sogenannten Gente Lithuani, natione Poloni. Eben sie haben den Hauptbeitrag zur weißrussischen nationalen Wiedergeburt der Íàøà-Íèâà-Periode (Nasza Niwa) geleistet. Keinen Anteil an der Bildung des literarischen Weißrussentums im 19. Jahrhundert und an der weißrussischen nationalen Wiedergeburt hatten hingegen die sog. Zapadno-Russen (also Personen, die die russische Option vertraten).
Der weißrussische Historiker vertritt die Ansicht, dass die Polen 1919 den weißrussischen Boden okkupierten (S. 30). Die Rote Armee hingegen befreite ihn ein Jahr später (S. 31). Unter Berufung auf W. A. Krutalevitsch stellt der Autor des Textes fest, dass die am 25. März 1918 gegründete Weißrussische Republik „nicht einmal ein Marionettenstaat“ war – es fehlte ihr die Anerkennung der deutschen Besatzungsbehörden und vieler westlicher Länder, die Funktionäre dieses Staates waren von den Volksmassen isoliert, die „sich durch die Idee des sowjetischen Staatswesens hinreißen ließen“ (S. 29). Der Autor macht somit kurzes Gericht mit dem nationalen Symbol des weißrussischen Staatswesens neuester Zeit. Bei der Beschreibung der Weißrussischen Republik weicht er übrigens nicht sehr weit von der Wahrheit ab. Dann schreibt er, dass die am 1. Januar 1919 entstandene Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik „der erste reelle weißrussische Nationalstaat wurde“ (S. 32). All das, was Symbol der weißrussischen nationalen Souveränität war, insbesondere Symbol der Trennung Weißrusslands von Russland, ist dem Mitverfasser des Buches offenbar fremd. Er bekennt sich gleichzeitig zur These über ein altruthenisches Volk in den Grenzen eines gemeinsamen altruthenischen Staates – der Kiever Rus’ (S. 26). Er fragt rhetorisch, ob „die Idee des weißrussischen Staatswesens über gesamtrussische (nicht gesamtruthenische – Bemerkung des Verfassers) Wurzeln“ verfüge, d. h. ob die weißrussischen Gebiete ein Bestandteil des altruthenischen Staates waren (S. 25, 37)? Eine andere rhetorische Frage lautet: „Hat die Tatsache der Zugehörigkeit Weißrusslands zum russischen Staat eine positive historische Bedeutung? Hatte die Zugehörigkeit zu Russland und also auch zur Sowjetunion (sic!) einen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung des weißrussischen Volkes?“ (S. 26, 37). Dieselben Fragen wiederholt man am Ende des Kapitels in dem Abschnitt „Kontrollfragen“.
Die Existenz der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik wird als eine Aufstellung von eindeutig positiven Tatsachen dargestellt. Kurz wird allerdings hervorgehoben, dass der gemeinsame Staat im Laufe der Zeit die Souveränität der Republiken entsprechend der Formel Stalins zugunsten der Zentralverwaltung einschränkte, das Volk als ein Relikt behandelt wurde und der Begriff des nationalen Interesses abgeschafft wurde (S. 31-32). Auch der 1919 erfolgte Einschluss von drei weißrussischen Gouvernements in Russland (unwiederbringlich im Falle des Smolensker Gouvernements) wird absolut kritiklos hingenommen. Mit vollem Ernst behandelt man die Slogans, etwa jenen über die Gleichberechtigung im Verhältnis des sowjetischen Weißrussland und des sowjetischen Russland, deren Grundlage der Vertrag vom 21. Januar 1921 gebildet habe, in welchem die „Unabhängigkeit und Souveränität eines jeden der beiden Unterzeichner“ hervorgehoben wird (S. 31). An keiner Stelle findet man Erwähnung über die praktisch vollständige Russifizierung weißrussischer Städte, über die Aufhaltung und Rückgängigmachung der Prozesse der nationalen Besinnung der Weißrussen um das Jahr 1930, als sie sich auf einem guten Wege dazu befanden, in sich das nationale Bewusstsein auszuprägen. Man ignoriert den Umstand, dass das Weißrussentum quasi zum Rang einer Folklore herabsank. Man schweigt über nicht weniger als Hunderttausende von Weißrussen, die man auf einen Befehl ermordete, der aus der Hauptstadt des Imperiums kam, über die massenhafte Vernichtung der architektonischen Denkmäler, über solche Spuren der Moskauer Herrschaft wie Kuropaty, über die Schwäche der weißrussischen Eliten, denen es nicht gegönnt werden sollte, ein Gegengewicht gegen das sowjetische Zentrum der Machtausübung zu bilden. Die Folgen von all dem, was der Text nicht erwähnt, sind im heutigen Weißrussland überall wahrzunehmen, auch in der Mentalität des Autors selbst und im wissenschaftlichen Niveau seiner Erörterungen.
Bei der Besprechung der Periode der Unabhängigkeit des Landes übergeht N. S. Staschkevitsch eigentlich die ersten drei Jahre und konzentriert sich sogleich auf die Zeit der Machtausübung von Präsident Lukaschenka. Er unterscheidet drei potenzielle Entwicklungswege Weißrusslands. Der erste bedeutet „die Vervollkommnung des bestehenden souveränen weißrussischen Staatswesens in den Grenzen eines in der Form einer Föderation wiederhergestellten Staatsgebildes, in dem Weißrussland in der jetzigen Etappe der slawischen Geschichte eine wichtige historische Mission zu erfüllen hätte (…)“ (S. 33). Im Klartext bedeutet das (wie es aus den weiteren Ausführungen des Autors resultiert) eine Verbindung Weißrusslands mit Russland. Wirklich unabhängig könne in der heutigen, sich globalisierenden Welt nur ein Block von Staaten sein, die über einen gemeinsamen „zivilisatorischen Nenner“ verfügen – Religion, ethnische Werte, Kultur, sakrale Zentren, annähernd gleiches Verständnis der historischen Entwicklungswege. „Eben eine solche Grundlage eines stabilen Bestehens und einer dynamischen und ununterbrochenen Entwicklung Weißrusslands im System der modernen internationalen Verhältnisse ist ein Bund mit Russland. (…) Im Rahmen eines solchen Bundes wird die Republik Weißrussland ihre Souveränität ohne Zweifel aufbewahren und wird sich ohne Erschütterungen in eine friedliche Vereinigung hineinintegrieren können“ (S. 34). Es wird hier eine Denkweise präsentiert, die von der sowjetischen Wirklichkeit abgeleitet ist, als Weißrussland über Kennzeichen einer staatlichen Unabhängigkeit verfügte: Regierung, Parlament, Hauptstadt und Grenzen. Dies alles hatte weitgehend keine wesentliche politische Bedeutung, doch die Weißrussen gewöhnten sich daran, da sie nichts Anderes kannten. Eine Folge eines solchen Verständnisses der eigenen Souveränität waren Ergebnisse soziologischer Untersuchungen in den 1990er Jahren. Über 60 % der befragten Weißrussen sprachen sich für ein unabhängiges Weißrussland und gleichzeitig für eine Verbindung mit Russland aus – auf der Grundlage ihrer historischen Erfahrung sahen sie darin keinen Widerspruch.[2]
Den zweiten von drei möglichen Entwicklungswegen nennt der Autor einen „national-radikalen“ und verbindet ihn mit der Tendenz einer „Wiedergeburt“, die im Prozess des Aufbaus eines nationalen Staatswesens in Erscheinung tritt. Die Anhänger eines solchen Staatswesens behandeln die Gesellschaft und den Staat nach den nationalen Maßstäben, die für West- und Mitteleuropa der letzten zwei Jahrhunderte charakteristisch sind. Ein solches Staatswesen wird von dem weißrussischen Historiker entschieden abgelehnt und scharf gegeißelt. Zum großen Teil ohne Grund wirft er den weißrussischen Nationalen vor, dass sie einen „monoethnischen Staat“ errichten, andere Nationalitäten aus dem öffentlichen Leben ausschalten und ihre politischen Rechte einschränken wollen. Man wolle – so die Ansicht des Autors – die Identität Weißrusslands als eines „nationalen Staates“ auf den ethnischen Egoismus stützen; diese Identität solle darin bestehen, dass man nach Feinden suche und die Einheit der historischen Entwicklungswege der Ostslawen zerschlage. Sinnverwandte Bezeichnungen zum Begriff „Weißrussland“ wären dann nach N. S. Staschkevitsch die Wörter „Randgebiet“ (okraina) und „Puffer“. Er vertritt die Überzeugung, dass die Ideologie der nationalen Radikalen utopisch ist und darauf hinauslaufen kann, dass sich der nationale Staat in einen totalitären verwandelt. Die Anhänger dieser Ideologie streben nach der Errichtung eines „ethnokratischen (weißrussischen) Staates“ (S. 34 f.). Diese Betrachtungsweise der Nation europäischen Typus resultiert daraus, dass die Weißrussen keine Nation geworden sind und dass sie eine moderne Gesellschaft in Anlehnung an sowjetische Werte wurden, die den nationalen Werten entgegengesetzt sind. Ansonsten wurde ihnen jahrzehntelang eine Feindseligkeit gegenüber allen nationalen Tendenzen eingeimpft – man setzte sie den nationalistischen Tendenzen gleich, verglich sie mit Intoleranz, mit der weißrussischen faschistischen Option, die während des Zweiten Weltkrieges hitlerfreundlich war. Das Wort weißrussische Nation (nazija, narod) gebrauchen die Weißrussen grundsätzlich unreflektiert, als eine Bezeichnung, die keinen engen Zusammenhang mit dem Begriff der Nation europäischen Typs hat.
N. S. Staschkevitsch übergeht die Tatsache, dass es den Nationen gelungen ist, ein modernes, reiches und demokratisches Europa aufzubauen. Die gesellschaftliche Aktivität, die aus der Denkweise nach den Maßstäben nationaler Erfolge und Aufopferungen resultierte, führte die baltischen Länder auf den Weg zur Freiheit und zum Wohlstand. Selbst die Russen, während sie den Kollaps überwinden wollen, berufen sich immer häufiger auf nationale, ja gar nationalistische Werte. Aus dem Text von Staschkevitsch kann man schließen, dass das Volk mit sich Böses und eine Entfremdung gegenüber der herkömmlichen sowjetischen Art bringt. Den größten Widerstand erweckt bei ihm wohl die Aussicht, dass die Schaffung einer starken weißrussischen Identität die Weißrussen von den Russen trennen würde. Er vertritt eine Denkweise, die den heutigen Zapadno-Russen eigen ist. Es ist zwar nicht mehr so wie vor dem Ersten Weltkrieg, dass man die Weißrussen für Russen hält, aber die Vision eines deutlich ausgebildeten weißrussischen nationalen Bewusstseins (ähnlich wie bei den Tschechen, Litauern, Polen oder Franzosen), einer wirklichen staatlichen Souveränität und eines sich darauf stützenden nationalen Interesses ist dem Verfasser völlig fremd (von den üblichen einschlägigen Slogans wird hier abgesehen). Es spricht ihn aber die Idee einer ostslawischen Gemeinschaft mit Russland an der Spitze an, die sich auf die Wurzeln der Kiever Rus’ berufen würde.
Den dritten möglichen Entwicklungsweg Weißrusslands nennt man einen „liberal-radikalen“. Ihre Anhänger meinen, dass Weißrussland ein Bestandteil von Westeuropa sei. Der Autor des Textes geht hingegen davon aus, dass „Weißrussland in ethnokultureller Hinsicht niemals zu Westeuropa gehörte; es bildete sich als ethnokulturelle Gemeinschaft und als Land im Bereich der ostslawischen orthodoxen Zivilisation, geopolitisch betrachtet im euroasiatischen Raum aus. Und keine subjektiven Bestrebungen sind imstande, diese Wirklichkeit zu ändern.“ (S. 35). Diese Ansicht steht im deutlichen Widerspruch zu den Tatsachen. Weißrussland als Bestandteil der Polnischen Republik Beider Nationen gehörte zur europäischen Zivilisation, die sogar als lateinische Zivilisation verstanden werden kann. Die Bevölkerung auf der Ebene der Eliten wurde im Laufe der Zeit protestantisch und anschließend katholisch, auf der Ebene des Volkes – uniert, also lateinisch. Die damals im Großherzogtum Litauen wirkenden Einrichtungen, das Verhältnis zum Recht, die vom Adel genossenen Freiheiten (die Freiheiten der Bauern waren damals in ganz Europa beschränkt) waren Phänomene, die das uns interessierende Gebiet eher mit den Verhältnissen in London und Paris assoziieren lassen als mit jenen im lange Zeit orientalisch geprägten Moskau. Die unierte Kirche wurde in Weißrussland erst 1839 liquidiert.
Die Idee der Nutzung der westeuropäischen Erfahrungen im Aufbauprozess des politischen Systems Weißrusslands ist nach der Ansicht von N. S. Staschkevitsch eine Utopie. Er vertritt die Überzeugung, dass sowohl Vertreter der liberal-demokratischen Richtung als auch der liberal-radikalen die historischen Erfahrungen des weißrussischen Volkes ignorieren. Sie streben danach, die Weißrussen ihrer Vergangenheit zu entfremden (S. 35). Der Autor dieser Ansicht hat insoweit recht, als die Weißrussen (abgesehen von ganz engen Eliten des Landes) auf der Ebene ihres Bewusstseins und im Bereich der tief verinnerlichten und im öffentlichen Leben beachteten Werte mit der Tradition der ehemaligen polnischen Republik brachen, also auch mit der Zugehörigkeit zum lateinischen Europa (nicht nur nach dem religiösen Verständnis, sondern auch in Bezug auf das in diesem Europa geltende politische und wirtschaftliche Wertesystem). Ihre Kultur ist heute bedeutend stärker mit Russland als mit Europa verwandt. Die Realisierung des national-radikalen, insbesondere aber des liberal-radikalen Konzepts würde also tatsächlich zu einem Bruch mit dem sowjetisch-ostslawischen, ein wenig orientalischen Entwicklungsweg führen. Ein bedeutender Teil der Weißrussen – es deutet darauf die über zehnjährige Geschichte der Unabhängigkeit dieses Landes hin – akzeptiert diese Entwicklungsrichtung nicht und lehnt insbesondere einen Bruch mit Russland ab. Man kann aber an dieser Stelle eine gewichtige Frage stellen: Welche von Optionen ist besser imstande, das weißrussische national-staatliche (begriffen als Entwicklung eines starken und souveränen Staatswesens und einer Volksgemeinschaft) und wirtschaftliche (Wohlstand der Bevölkerung) Interesse zu gewährleisten – die proeuropäische oder die prorussische? Obwohl diese Frage eher rhetorischen Charakter hat, glaubt der weißrussische Historiker, dass eben die Vertreter des zweiten und des dritten Entwicklungsweges Weißrussland nicht als Subjekt, sondern als Gegenstand behandeln (S. 34). Die Ansicht, dass die Verbindung mit Russland, statt eines Anschlusses an die Strukturen der Europäischen Union, den Völkern größere Rolle als Subjekte sichert, ist eine überaus mutige These, insbesondere dann, wenn sie von einem Berufshistoriker geäußert wird, der die Geschichte des Zarenimperiums und – so Staschkevitsch selbst – seiner Nachfolgerin, der UdSSR, kennt.
Eine Konsequenz dieser Denkweise ist die Annahme der ersten Alternative (eine auf neuer Grundlage zu erfolgende Rekonstruktion eines Staatenverbandes rund um Russland) als der „meist effektiven und in der Folge auch annehmbaren für die weißrussische Gesellschaft“. Aus dem Prozess der Bildung des nationalen Staatswesens der Weißrussen lässt sich nach der Auffassung des Autors „die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik nicht wegdenken, die eine direkte Grundlage für die weitere Entwicklung des Staatswesens ist. In Anlehnung an die WSSR entstand die souveräne Republik Weißrussland“ (S. 36). Die im Text häufig erfolgende Hervorhebung, dass Weißrussland ein sozial ausgerichteter Staat sei, würde dafür sprechen, dass die weißrussischen Bürger ihren Staat eher als Instrument behandeln, nicht wie einen autotelischen, nationalen Wert. Die Sprache des hier besprochenen Artikels verrät Indizien eines langjährigen Trainings der Formulierung von Gedanken in der sowjetischen Wirklichkeit.
Die Formulierung „Die Stärkung des Vorrangs der Menschenrechte über die Rechte der Gesellschaft, der Bevölkerung und des Staates ist eines der am meisten charakteristischen Kennzeichen der Verfassung der Republik Weißrussland“ (S. 36) bezeugt nicht nur eine Unkenntnis der Verfassung des eigenen Landes, sondern gibt auch ein Zeugnis über die Denkweise des Autors, der die Möglichkeit einer so kuriosen Eintragung in der Verfassung zulässt. Die Fragen am Ende des Textes stoßen durch ihre tendenziöse Art an, ähnlich übrigens wie die empfohlene Literatur – unter den angegebenen Titeln sucht man vergebens nach Arbeiten, die im Kontext der weißrussischen Historiographie besonders zuverlässig sind (zum Beispiel von Hienadz Sahanovitsch und Alaksandr Krauzevitsch).
Der Text von N. S. Staschkevitsch trägt zweifelsfrei Züge eines weltanschaulich-politischen Manifestes. Es fällt schwer zu glauben, dass der Text zu Beginn des 21. Jahrhunderts und nicht vor einigen Jahrzehnten entstand und dass er von einem Berufshistoriker herrührt. An die im voraus vorgesetzten Thesen werden Tatsachen angepasst, wodurch die historische Wahrheit entstellt wird. Dieses Kapitel im Lehrbuch ist ein klares Beispiel wissenschaftlicher Unredlichkeit. Die Ideologie kann sich auf die Geschichte berufen, auch ohne diese Geschichte verfälschen zu müssen. Der weißrussische Historiker vertritt nicht einmal einen anationalen Standpunkt, sondern gar einen weißrussisch antinationalen. Wenn seine Absicht war, den Gemeinschaftsgeist der Weißrussen in Anlehnung an die emotional stark auswirkende Idee des eigenen Staates zu fördern, so ist er mit seinem Text gänzlich gescheitert. Der Autor beruft sich auf eine traditionelle Sammlung von Werten (scheinbar differenziert wird sie nur durch Slogans), die im sowjetischen Weißrussland jahrzehntelang präsent war. Auf der Grundlage dieser Werte entstand weder ein weißrussisches Volk europäischen Typs noch eine stark internalisierte, autotelisch behandelte weißrussische Staatsidee, im Namen welcher die Weißrussen nach dem Muster anderer europäischer Völker imstande wären, „massenhaft die Barrikaden zu besteigen“ (es will nicht gesagt werden, dass eine solche wörtliche Situation empfehlenswert wäre). Es wäre schwer, Gründe dafür anzugeben, warum dieser Mechanismus nunmehr einem Wandel unterliegen sollte. Wenn man den Weg einer Errichtung einer starken weißrussischen Gemeinschaft und der Stärkung des weißrussischen Staates beschreiten will, darf man nicht Werte verbreiten, die im Gegensatz zu dieser Vision stehen. Entweder wandte man also Mittel an, die dem vorgesetzten Ziel nicht entsprechen, oder der Vorsatz ist eine einfache Indoktrination im (post)sowjetischen Stil und man will der Bevölkerung den „einzig richtigen“ Weg zeigen, der mit den Vorstellungen der Regierenden übereinstimmt.
Dieser Text, so wie ein beträchtlicher Teil des ganzen Lehrbuches, entblößt die Schwäche des weißrussischen politischen Denkens überhaupt, die häufig demonstrierte Unfähigkeit dieses Denkens, die weißrussische Wirklichkeit einer „kalten“ und wahren Analyse zu unterwerfen. Wenn man eine Diagnose verfälscht, indem man den Prozess ihrer Entstehung ideologisch und politisch durchsetzt, dann gibt es keine Chance auf eine Erlangung der vorgesetzten Ziele, denn die Wahl der Mittel, dank denen man das verwirklichen will, sich auf falsche Prämissen stützt. Viele grundsätzliche Termini, die im besprochenen Werk auftreten (insbesondere solche wie „Nation“ und „nationales Interesse“) und als deutlich gezeichnete Begriffe (mit einem gewissen theoretischen Unterbau) der Analyse der weißrussischen Wirklichkeit dienen sollen, werden in dem Lehrbuch ohne Füllung mit konkretem Inhalt gebraucht, unreflektiert – als Verzierungen der ideologisch und politisch motivierten Anschauungen der Lehrbuchautoren. Einem ernsten Versuch eines Aufbaus einer weißrussischen Staatsideologie, welche die Gesellschaft stark verbinden würde, muss eine tiefe Analyse der menschlichen Bindungen in der Gesellschaft auf der Makroebene, des diese Bindungen schaffenden Wertesystems und der Kraft ihrer Internalisierung vorausgehen. Nichts spricht dafür, dass die Weißrussen diese gedankliche Arbeit bereits geleistet hätten. Besonders in der ersten Periode nach der Erlangung der Unabhängigkeit merkte man eine gewaltige Unfähigkeit der intellektuellen (darunter auch nationalen) Kreise Weißrusslands, die neue gesellschaftliche Situation gründlich zu erkennen. Klare Bezeugung einer Unwahrheit wäre die Behauptung, dass sich dieser Sachverhalt in den nachfolgenden Jahren diesbezüglich grundsätzlich wandelte.
Die Errichtung eines (wie man häufig hervorhebt) „sozial orientierten“ Staates bedeutet Schaffung von Strukturen, die in Anbetracht einer scharfen wirtschaftlichen Krise zusammenzubrechen drohen. Nicht das Geld sorgt für den Fortbestand von Gesellschaften, Nationen und Staaten. Der heute bekundete Wille einer Verbindung mit Russland wird vor allem wirtschaftlich (also sozial) motiviert (die Neigung zu einer Vereinigung fußt allerdings auf kulturellen Verbindungen beider Gesellschaften). Man kann vermuten, dass es in Weißrussland leichter (obgleich auch nicht einfach) gelingen wird, einen politischen als einen kulturellen Typus der Nation zu errichten. Der Erfolg eines solchen Unternehmens würde eine radikale Stärkung der Chance des weißrussischen Staates aufs Überleben bedeuten. An der Grundlage einer solchen Entwicklung müsste allerdings ein wirtschaftlicher Erfolg liegen (was nicht bedeutet, dass er der Kern der neuen Gemeinschaft bildete). Man soll sich allerdings bewusst sein, dass es im Prinzip kein voll ausgeprägtes gesellschaftliches Gebilde gibt, das man als sowjetische politische Nation bezeichnen könnte – denn das Sowjetische und das Nationale tragen in sich zumindest partiell Werte, die einander ausschließen. Die Weißrussen sollen vor allem die Frage beantworten, welche Art der Ideologie und – in der Folge – des Gemeinschaftswesens ihnen eine würdige Überlebenschance bietet, ob und in Folge welcher Mechanismen diese beiden Phänomene von der Gesellschaft akzeptiert werden können? N. S. Staschkevitsch weiß im voraus, welche Ideologie die Weißrussen brauchen.
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Der weitere Teil des Lehrbuches besteht aus 18 Kapiteln. Ihre Thematik erfasst die streng ideologischen Bedingtheiten des Aufbaus des weißrussischen Staatswesens, die Charakteristik der Verfassung der Republik Weißrussland, die weißrussischen Massenmedien, die Gewerkschaften und die rechtlichen Grundsätze, die bei den Wahlen zu weißrussischen Vertretungsorganen gelten. Der dritte Teil gilt der Beschreibung solcher Institutionen der Machtausübung in Weißrussland (und ihrer Rolle bei der Formung der weißrussischen Ideologie) wie: Präsident, Parlament, Ministerrat und kommunale Verbände. Im vierten Teil hat man – im Kontext der Bedeutung für den Prozess des Aufbaus der Ideologie – unter anderem das weißrussische Wirtschaftssystem, den sozialen Bereich, die in der Bevölkerung vertretenen Religionen, die Jugend als gesonderte gesellschaftliche Gruppe und die Außenpolitik der Republik Weißrussland charakterisiert. Die weißrussischen Institutionen werden meist idealisiert dargestellt, als musterhafte Strukturen, die sich in ihrer Wirksamkeit auf das Recht stützen. In vielen Fällen haben wir nicht mit einem wirklichen, sondern mit einem konfliktfreien und teilweise fiktiven Wunschbild zu tun. Trotz dieser tendenziösen Beschaffenheit erlangt der Leser doch ein Grundwissen über die rechtlich-institutionellen Bedingtheiten der Funktionierung des weißrussischen Staates.
Es ist erlaubt festzustellen, dass in den „Grundlagen der Ideologie des weißrussischen Staates“ ein Versuch unternommen wurde, die Gesamtheit des öffentlichen Lebens in Weißrussland zu beschreiben. Das Lehrbuch will also alle einschlägigen Inhalte vermitteln. Wenn die Verfasser den Grundsatz angenommen hätten, dass der Aufbau einer Ideologie des weißrussischen Staates über die politischen und weltanschaulichen Trennlinien hinweg möglich ist, indem man sich lediglich auf die der Gesellschaft maximal gemeinsamen Werte konzentriert, die entsprechend dem nationalen und staatlichen Interesse der Weißrussen ausgerichtet sind, dann wäre die inhaltliche Breite des Lehrbuches sicherlich anders – bescheidener. So tat man aber nicht. Man nutzte die erprobten sowjetischen Muster, die gebieten, möglichst großen Bereich des öffentlichen Lebens zu ideologisieren, die Gesellschaft zu indoktrinieren und sie somit den Regierenden unterzuordnen. Man verzichtete hingegen darauf, sich auf diese Werte zu konzentrieren, die ein Gemeinschaftswesen dadurch fördern, dass die Gesellschaft ein Subjekt wird und dass der Raum der Freiheiten stetig ausgebaut wird. Das Lehrbuch ahmt die sowjetischen Muster nach und trägt Gepräge der Zeit, in der es geschrieben wurde. Seine Verfasser berufen sich auf Lukaschenka, auf seine Aktivitäten, Aussagen und gedruckten Texte. Was geschieht mit einem solchen Lehrbuch nach Lukaschenka, insbesondere dann, wenn die Regierung von einer anderen politischen Option übernommen wird? Derartige Überlegungen sind für die politische Tradition des östlichen Slawentums (genauer: unter der orthodoxen Mehrheit) nicht typisch. Die Machtausübung als Wert an sich ist in Osteuropa weitgehend wichtiger als in dem lateinischen Teil des Kontinents, sie strukturiert die osteuropäischen Gesellschaften; das Geld ist ein Ausfluss der Macht, die Kultur ordnet sich dieser Letzteren sowohl auf der niederen als auch auf der höheren (elitären, der Intelligenz eigenen) Ebene unter. In Weißrussland, einem Land mit eindeutig bäuerlichen Wurzeln, fällt das im Alltag auf.
Die Verfasser des Lehrbuches deklinieren im weißrussischen Kontext auf jede erdenkliche Art ganz unreflektiert, wiederholt und in allen Teilen des Werkes das Wort Nation – besonders häufig schreiben sie über das nationale Interesse. Mit Ausnahme eines einzigen Satzes, in dem man ein niedriges Niveau des weißrussischen Nationalbewusstseins konstatiert, wurde auf dieses empfindliche Problem an keiner Stelle reflektierend eingegangen. Wie kann man eine sinnvolle Diagnose bauen, wenn man von irrtümlichen oder zumindest bedeutend verfälschten Prämissen ausgeht? Vor dem Hintergrund des ganzen Lehrbuches kann man erneut ein Kapitel von S. W. Reschetnikov hervorheben. Diesmal schreibt dieser Autor über das weißrussische politische System im Kontext der Ideologie des weißrussischen Staates. Er charakterisiert kurz den Begriff der Nation und widmet ansonsten viel Raum einer Erklärung dessen, was man nationales Interesse nennt. Er ist bestrebt, den Leser zum Nachdenken anzuregen. Unter anderem schreibt er: „Unsere Nachbarn – die baltischen Staaten und Polen – haben sich durch den Beitritt zur EU für die westlichen Werte entschlossen. In der Ukraine ist dieser Beitritt in der Verfassung als langfristiges strategisches Ziel verankert. Weißrussland wählte den Weg des Aufbaus eines föderativen Staates mit Russland, bei Anerkennung der Notwendigkeit einer differenzierten Außenpolitik“ (S. 330). Im national-staatlichen Interesse Weißrusslands liegt seines Erachtens u. a.: Aufbewahrung und Stärkung der Unabhängigkeit und Souveränität des Landes, Wahrung der Identität der Weißrussen und Festigung ihrer Interessen in Relationen mit anderen Nationen (S. 330). Derselbe Autor äußert gleichzeitig schwer zu akzeptierende Worte in Bezug auf die westlichen Gesellschaften – sie spiegeln allerdings gewisse Realität im ostslawischen Raum wider: „In der Praxis zeigte sich – schreibt Reschetnikov – das die Pluralisierung von Eliten und die parallele Zunahme der Massenaktivität am politischen Leben zum Chaos und Durcheinander führt“ (S. 344).
Im Werk werden die Ursachen des niedrigen Niveaus der politischen Kultur der Weißrussen leider nicht erklärt. Darüber hinaus schreibt man über ihre politische Kultur meist im positiven Kontext, es wird höchstens die Besonderheit des ostslawischen orthodoxen Raumes und sein Anderssein gegenüber dem Westen hervorgehoben, der bestrebt ist, den anderen die eigenen Lösungen aufzuzwingen, die zu vielen Gesellschaften und Kulturkreisen (Zivilisationen) nicht passen. In dem diese Problematik besprechenden Kapitel behauptet man, dass die jetzige politische Kultur in Weißrussland im Gegensatz zu den 1980er Jahren von solchen demokratischen Werten geprägt wird wie: Offenheit (glasnost), Rede- und Pressefreiheit, bürgerliche und Menschenrechte (S. 113).
Die Tatsache, dass man im Lehrbuch ziemlich sinnvolle Erörterungen unterbringen konnte – ein Beispiel sind die Kapitel von Reschetnikov –, bedeutet keinesfalls, dass darin eine direkte Kritik heutiger weißrussischer Zustände, besonders im politischen Kontext, zugelassen wurde. Im Buch findet man ziemlich reichlich offensichtlich unwahre bzw. indoktrinierende Aussagen, viel leeres Wortgedresche und viel Wunschdenken. Eine Autorin schreibt optimistisch: „In der weißrussischen nationalen Idee verwirklicht sich das historische Streben des weißrussischen Volkes nach Freiheit, Selbständigkeit und Wohlstand, nach der Wahrung und Entwicklung der weißrussischen Wissenschaft, der weißrussischen Sprache und des weißrussischen Staates, der humanistischen Perspektiven und der bürgerlichen Verantwortung für die Zukunft des Landes“ (S. 356). Wenn die Weißrussen solche Bestrebungen deutlich verwirklicht hätten, wäre Weißrussland heute ein ganz anderer Staat und die Weißrussen eine ganz andere Gesellschaft. Das Land würde die Probleme eher so meistern, wie es die baltischen Länder tun, und befände sich in einem anderen Stand der Entwicklung, als es heute der Fall ist. Mit keiner klaren Feststellung und mit keiner Betrachtung gedenkt man im Lehrbuch des nicht nur für die nationalbewussten Weißrussen außerordentlich wichtigen Problems der Sprache. Übergangen wird im Text die stufenweise erfolgende Eliminierung des Weißrussischen zugunsten des Russischen zunächst in der Sowjetzeit und dann unter der Präsidentschaft von Lukaschenka. Die Verantwortung für das geschriebene Wort steht bei vielen Autoren des Lehrbuchs nicht hoch im Kurs. Entweder mangelt es ihnen an zuständigem Wissen oder es liegt ihnen nicht viel daran, dass sich ihr Heimatland positiv entwickelt, und sie ziehen es vor, über die Interessen des Landes ein persönliches, egoistisches und auf kurze Zeit bedachtes Interesse zu setzen. Diese Haltung war ebenfalls gewissen polnischen Lehrbuchautoren in der Zeit des Sozialismus nicht fremd.
Die Arbeit ist mit Formulierungen durchdrungen im Typ von: Demokratie, Freiheit(en), Parlamentarismus, bürgerliche Gesellschaft. Nach der Absicht der Lehrbuchautoren sollen sie die weißrussische Wirklichkeit charakterisieren. Man behandelt sie meist parolenartig, oberflächlich, als Verzierungen der vermittelten Inhalte, nicht als gründlich unterbaute Begriffe, die als Instrumente einer Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Weißrussland dienen würden. Die politische Situation in Weißrussland erachtet man als „stabil“, „im Staat gibt es keine Konfrontation zwischen den Bürgern und den Behörden“. „Ihre destruktive Aktivität – schreibt T. I. Abulo – entwickelt manchmal die Opposition“ (S. 117). In den 1990er Jahren stieg in der Gesellschaft lawinenartig „Chaos und Willkür“. Sowohl die Politiker als auch gewöhnliche Menschen konnten sich überzeugen – glaubt derselbe Autor – dass das Fehlen einer vom Staat unterstützten Ideologie den Bürgern keine erwarteten Freiheiten brachte (S. 122). „Der Staat – schrieb man im letzten Kapitel des Lehrbuches – kann ohne Ideologie weder existieren noch sich entwickeln, er kann weder den äußeren noch den inneren Gefahren widerstehen“ (S. 438).
Im weiteren Teil der Arbeit drückte man die eindeutige Ansicht aus, dass die Mentalität der Weißrussen auf eine starke Persönlichkeit orientiert ist. Weil aber das weißrussische Staatsoberhaupt entweder Monarch oder ein Präsident sein könnte, ist es im republikanischen Weißrussland natürlich ein Präsident geworden. Früher – fügte man hinzu – war die erste Person im Staat der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands und dann der Vorsitzende des Obersten Rates. Diese ein wenig orientalische Vision wird von einer Feststellung begleitet, dass die parlamentarische Form der Republik sich in Weißrussland als sehr ineffizient erwiesen habe und das Mehrparteiensystem sich in der Anfangsphase der Entwicklung befände (S. 214). Interessanterweise begann man (in einem anderen Kapitel) die Geschichte des weißrussischen Parlamentarismus erst seit 1919 zu besprechen, also seit der Sowjetzeit.
Zumindest ein Teil dieser Betrachtungen zielt nach einer Begründung der Notwendigkeit einer starken Macht in Weißrussland im Allgemeinen oder konkret – bezogen auf Präsident Lukaschenka. Manche Formulierungen muss man zweifelsohne als zutreffend anerkennen, wie etwa die Rechtfertigung der Macht des Präsidenten mit den „paternalistischen Erwartungen“ der Bevölkerung (S. 50). Man bezieht sich leider nur auf die Daten über die Unterstützung Lukaschenkas durch beträchtliche Teile der Bevölkerung, die aus den ersten Jahren seiner Präsidentschaft stammen. Die Daten der letzten Jahre, die eine Abnahme der Akzeptanz für den Präsidenten veranschaulichen würden, werden nicht angeführt. Im Kapitel, das der weißrussischen Wirtschaft gewidmet ist, wird der Rückgang des Volkseinkommens in der ersten Hälfte der 1990er Jahre und eine entgegengesetzte Tendenz in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts (also nach der Machtübernahme durch Lukaschenka) dargestellt. Sonst bietet man optimistische Visionen in Bezug auf die ersten fünf Jahre des 21. Jahrhunderts (S. 318 f.). Den Anfang der 1990er Jahre assoziiert man im Lehrbuch mit dem Sinken der Moral, dem Schwund der Achtung für die Behörden – kurz ausgedrückt: mit dem Chaos (es ist wahr, dass zumindest ein Teil der Weißrussen in jener Zeit die Demokratie eben so auffasste). Diese zumindest für manche Kapitel kennzeichnende Denkweise kann man kurz charakterisieren: es war schlimm, nun ist es gut und es wird noch besser. Man versucht nicht klarzulegen, dass der einige Jahre währende Rückgang des Nationalbruttoprodukts eine feste Erscheinung in allen Ländern war, die nach dem Fall des Sozialismus eine Transformation erlebten. Dort, wo man Reformen durchführte und wo die Transformation gelang – ein Beispiel sind die baltischen Länder, Polen und Ungarn – erfolgte nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft ein deutlicher ökonomischer Aufstieg. Zu den Begleiterscheinungen gehörte ein deutlicher Anstieg der Gehälter (gemessen in US-Dollar), die Steigerung der Kaufkraft der einschlägigen Währungen, die Modernisierung der Wirtschaft, Zuname der Kapazität, der Investitionen und der Ausfuhr. Modernisierungsprozesse waren in Weißrussland nur eine kaum spürbare Erscheinung und es wuchs radikal die Distanz, die das Land von den benachbarten baltischen Ländern und von Polen trennte. Darüber werden die weißrussischen Leser des Lehrbuches überhaupt nicht informiert. Ein Bezugspunkt für sie soll nicht (das wohlhabende und demokratische) Europa, sondern (verglichen mit dem Westen tatsächlich armes und die bürgerlichen Freiheiten dämpfendes) Russland bleiben. Eine Regel ist, dass die statistischen Daten, die unter verschiedenen Aspekten die Lebensqualität in Weißrussland veranschaulichen, in dem Lehrbuch nicht mit ihren Pendants in Westeuropa (darunter auch in Polen, in Tschechien und in Ungarn) verglichen werden. Gegenübergestellt werden lediglich die Daten aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, grundsätzlich auch nur dann, wenn sie Weißrussland im besseren Licht stellen. Es ist plausibel, das die Arbeit so vieler Autoren Ansichten enthalten muss, die nicht immer ganz kohärent sind. Die selten vorkommenden interessanten Gedanken über die weißrussische Wirklichkeit finden leider meist keine Vertiefung. „In den zivilisierten Ländern – schreibt I. W. Kotlarov – nimmt die Bedeutung der politischen Parteien als der wichtigsten Subjekte der bürgerlichen Gesellschaft stets zu“ (S. 245). Es fehlt im Lehrbuch die banale Feststellung, dass die Ursache der Schwäche des weißrussischen Parlamentarismus und des Parteiensystems nicht nur in der Vergangenheit zu suchen ist. Niemand äußert, dass dazu auch die undemokratische und autoritäre Politik von Präsident Lukaschenka beiträgt. Einer der Verfasser bemerkt: „Das heutige Weißrussland baut eine bürgerliche Gesellschaft, einen Rechtsstaat in einer Situation scharfer Gegensätze, die auch den geistigen Bereich erfassen“ (S. 402). Es stimmt nicht, dass man in Weißrussland eine bürgerliche Gesellschaft baue (geschweige denn mit einer Unterstützung der Regierenden). Ähnliches gilt auch absolut für den Rechtsstaat. In der weißrussischen Gesellschaft gibt es hingegen tatsächlich verdeckte oder offene Konflikte, es stoßen aufeinander verschiedene Wertesysteme und verschiedene – politische und kulturelle Optionen – die (stärkere) proöstliche und die (bedeutend schwächere) prowestliche. Interessant wäre eine ernsthafte Behandlung dieses Problems und der Versuch, sich damit gründlich auseinander zu setzen. Abgesehen von Ausführungen eines N. S. Staschkevitsch, die schwer ernst zu nehmen wären, unternehmen die Autoren einen solchen Versuch nicht.
Im ökonomischen Teil des Buches begünstigt man „das sozial orientierte Modell der Marktwirtschaft“, das nach der Ansicht der Autoren Weißrussland eigen ist. Ohne eine starke bürgerliche Gesellschaft – betont man – ist kein gut funktionierender Staat und keine effektive Wirtschaft möglich. Diesen allgemeinen Feststellungen folgt leider keine gründliche Analyse der weißrussischen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Realität. Ein solcher Schreibstil ist für das ganze Lehrbuch charakteristisch. Seine Verfasser berufen sich gern auf die westlichen Kategorien des politischen Denkens. Im Gegensatz zu der Sowjet-Zeit berufen sie sich ansonsten nicht nur auf die russischen, sondern häufig auch auf die westeuropäischen und amerikanischen Forscher. So versucht man quasi, eigene Betrachtungen wissenschaftlich zu rechtfertigen und ihnen eine objektive Dimension zu verleihen (nicht selten beruft man sich ebenfalls auf Lukaschenka). Dieser Stil der Ausführungen führt manchmal zu ziemlich überraschenden Feststellungen. Der Autor des Kapitels „Moderne ideologische Konzepte und Doktrinen“ kommt nach der Besprechung einer Gruppe von Doktrinen zu einem nach seiner Art eindeutig eklektischen Schluss: „Die Ideologie des weißrussischen Volkes verbindet in sich organisch Elemente kommunistischer, konservativer, liberaler und sozialdemokratischer Ideologie“ (S. 78). Auf vielen Seiten des Lehrbuches schimmert der Gedanke durch: Beim Aufbau unseres Staates sind wir nicht schlechter als der Westen, vielleicht sind wir sogar besser, wir haben nämlich unsere Besonderheit und lehnen ab, was im Westen schlecht ist. Man merkt allerdings deutlich, dass die sowjetische Zeit zu der Vergangenheit gehört – die Leute haben größeren Zugang zu der Literatur und sie reisen ins Ausland, man kann also den Westen nicht in seiner ganzen Erscheinung ablehnen.
Man könnte vermuten, dass es in einem Lehrbuch der staatlichen Ideologie, in dem regelmäßig auf die Kategorien des nationalen Denkens (nationales Interesse, Patriotismus) gepocht wird, viele Bezüge auf die Geschichte Weißrusslands, auf Daten, Helden und Mythen geben wird. Das ist nicht der Fall. Die Geschichte Weißrusslands wird schwach beleuchtet, ihre Trennung von der Geschichte Russlands ist nicht immer deutlich, die Periode zwischen der Kiever Rus’ und dem sowjetischen Weißrussland wird meistens kaum markiert oder einfach übergangen. Die in der UdSSR ausgebildeten Autoren erleben wohl inneren Zwiespalt, wenn sie das Großherzogtum Litauen, das niemals zu Russland gehörte, in die Geschichte Weißrusslands ganz einschalten sollen. Die größte Aufmerksamkeit schenkt dem Großherzogtum Litauen N. S. Staschkevitsch, er tut das allerdings auch nur am Rande seiner Ausführungen. Keiner der Verfasser wollte einsehen, das es ein Teil einer mit den Polen gemeinsamen Geschichte im Rahmen der polnischen Adelsrepublik ist. Das historische Litauen (also auch das heutige Weißrussland) war von der Krone Polens in hohem Grade unabhängig. Nur einen Bruchteil dieser Freiheit konnte Weißrussland in dem Imperium der Zaren und dann in der UdSSR genießen. Die meisten der Verfasser – wenn überhaupt – beziehen sich auf die Geschichte ihres Vaterlandes nur leichthin und schablonenhaft (auf sowjetische Art). Sie tun das quasi widerwillig, ohne Überzeugung über die Bedeutung dieser Geschichte für das heutige Weißrussland. Eine Ausnahme bildet natürlich die Zeit des sowjetischen Weißrussland. Eben über dieses Weißrussland schreibt man hauptsächlich, und man schreibt darüber meist positiv.
Eine Regel ist die Unterstreichung der Tatsache, dass Weißrussland ein Teil der ostslawischen Gemeinschaft ist. Man unterscheidet natürlich zwischen den Weißrussen und Russen, doch man exponiert die Einigungstendenzen innerhalb des Ost-Slawentums (oder manchmal des Slawentums überhaupt). Das slawische Gebiet wird von Westeuropa deutlich abgehoben. Man macht auf die Neigung des Westens zur Dominanz aufmerksam und kritisiert diese Tendenz. Hervorgehoben werden gemeinsame Elemente der Geschichte der Weißrussen, Russen und Ukrainer. Selten akzentuiert man den westlichen (polnischen) Einfluss, etwa auf die Mentalität der Weißrussen im westlichen Teil des Landes (S. 364). Ihr Slawentum ist für die Weißrussen merkbar wichtiger als für die Polen.
Weißrussland assoziiert man als ein Land, das kulturell und historisch eng mit Russland verbunden ist. Gleichzeitig wird allerdings – so tut es etwa J. S. Jaskevitsch – seine Lage zwischen dem Ost und dem West unterstrichen, an der Berührungslinie zweier Kulturen, zweier Zivilisationen: der orthodox-byzanthinischen und römisch-katholischen. Die Autorin behauptet also, dass die weißrussische Kultur den Charakter einer Grenzkultur hat und als eine solche eine bedeutende einigende Rolle spielen kann (S. 358, 369). Man betont die mentalen Unterschiede zwischen den Weißrussen und den Russen (man erkennt in diesem Zusammenhang insbesondere den westlichen Einfluss auf die Weißrussen an). Den Gemeinschaftsgeist unter den Letzteren betrachtet man als Folge einer Verbindung der altslawischen, orthodox-byzanthinischen und tataromongolischen Eigenschaften (S. 363). In die Mentalität der Weißrussen wurde nach J. S. Jaskevitsch die den Unierten eigene Neigung zu Kompromissen, der katholische Heroismus, die deutliche Zurückhaltung und der protestantische Individualismus aufgenommen. Die Weißrussen sind ein friedliches Volk, das sich über andere Völker nicht erhebt, sie sind tolerant, kompromissbereit und nachsichtig. Gleichzeitig unterstreicht man den starken Kollektivismus und das Streben nach Gerechtigkeit, was die Weißrussen mit den Russen und Ukrainern verbindet. „Charakteristische Eigenschaften der Weißrussen sind insbesondere die starke Anhänglichkeit an den vaterländischen Boden und an die Heimat, Wirtchaftlichkeit, Sparsamkeit, Arbeitsamkeit, Hingabe an die Familie und Solidarität gegenüber ihrem Stamm und ihrer Familie“ (364). Im Rahmen von Weißrussland bemerkt man regionale Unterschiede und akzentuiert, dass „dem Grodno-Gebiet und anderen Landschaften im westlichen Weißrussland die Individualisierung des Lebens eigen ist, was dem Einfluss des katholischen Polen, des Litauen und der protestantischen Ethik aus Westeuropa zu verdanken ist. In Polesie überwiegt der Kult des ländlichen Gemeinschaftsgeistes (îáùèía), auf dem weißrussischen Seenplatten-Gebiet nahe der russischen Grenze dominiert die orthodoxe ñîáîðíîñòü“ (S. 364). Diese Betrachtungen sind nicht unbegründet, sie enthalten deutliche Elemente einer Autostereotypisierung. Sie weichen nicht stark von dem allgemein akzeptierten Autostereotyp des Weißrussen, der gleichzeitig diese Eigenschaften betont, die ihn mit dem Russen verbinden, als auch solche, die ihn von ihm trennen. (Dieser ist offenbar weniger arbeitsam, weniger friedlich und weniger tolerant, er neigt hingegen mehr zu extremen Verhaltensweisen.)
Zwei Problemfelder werden im Lehrbuch keiner Kritik unerworfen. Man behandelt sie als endgültige Wahrheiten, die sich für keinerlei sinnvolle Analyse eignen. Zunächst ist es die Beurteilung des Präsidenten Lukaschenka und seiner Politik in den letzten zehn Jahren. Zweites Problemfeld ist die Verbindung mit Russland. Lukaschenka wird als eine Person präsentiert, die voraussah, dass der Zerfall der Sowjetunion (den die Weißrussen sich nicht wünschten und worauf sie nicht vorbereitet waren) mit sich negative Folgen und Chaos ziehen wird. Es sei also plausibel, dass Lukaschenka nach einer erneuten Verbindung Weißrusslands mit Russland strebe. Der Charakter der künftigen Verbindung dieser Staaten wird in dem Lehrbuch nicht klar umrissen. Im Kontext dieser Vereinigung schreibt man einerseits immer wieder über die Einheit und andererseits über die Souveränität Weißrusslands. Es fehlt total eine vertiefte intellektuelle Reflexion über diesen – vielleicht nur scheinbaren – Widerspruch. Das verkündigte Gebot einer Vereinigung mit Russland resultiert aus keinerlei im Buch solide durchgeführten Analyse von Vorteilen für Weißrussland, die auf dem nationalen Interesse fußten. Nur im Hintergrund klingen verdeckte Prämissen emotionalen Charakters oder direkt ausgesprochene Prämissen kultureller Art an. Unter Berufung auf Lukaschenka schreibt einer der Autoren wie folgt: „Russland war, ist und wird auch in Zukunft ein großer Staat sein. Über kurz oder lang wird die Wirtschaftskrise überwunden und Russland wird erneut ein starkes, blühendes Land“ (S. 57). Es ist im Buch kein vereinzeltes Beispiel dafür, dass man das weißrussische nationale Interesse auf das Wunschdenken stützt. Andererseits kann man nicht aus dem Auge lassen, dass die Ansprüche der Weißrussen niemals besonders groß waren. Man war eher realistisch und zog es vor, sich auf (das für die Europäer vielleicht nicht sehr wohlhabende) Moskau zu stützen, als auf Paris oder London. Einer der Autoren behauptet, dass das sowjetische Weißrussland binnen kurzer Zeit einen gewaltigen Sprung getan habe und zu einem der am meisten entwickelten Länder in der Welt aufstieg (S. 78). Im heutigen, in Armut geratenen Weißrussland erwachen immer wieder die Sehnsüchte nach dem ehemaligen „Wohlstand“. Das zunehmende (nicht nur wirtschaftliche) Gefälle zwischen Weißrussland und Mitteleuropa (geschweige denn Westeuropa) wird im ganzen Lehrbuch nicht im Mindesten reflektiert.
Im Buch ist ein Unwille gegenüber dem Westen, insbesondere gegenüber den USA wahrnehmbar, die – so die Meinung – sich in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen. Nach dem Fall des Sozialismus nahm Weißrussland dank Lukaschenka einen Kurs „auf möglichst enge“ Verbindung mit Russland. Nicht ohne Boshaftigkeit (vielleicht auch mit Neid) äußert sich L. P. Kosik zur Haltung anderer Länder: „Die Leiter neuer Staaten stürzten sich nach dem Westen in der Hoffnung darauf, dass sie Kredite und politische Unterstützung bekommen“ (S. 56). Verborgen präsent im Text ist hier die russische, postsowjetische Sicht der Geschichte des postsozialistischen Mitteleuropa, dessen Mitglieder – ehemalige „Verbündete“ der UdSSR – Russland (einst UdSSR) verrieten, indem sie sich dem Westen zuwandten und sich ihm (wie einst der Moskauer Zentrale) unterordneten. Man solle sich darüber im Klaren sein, dass ein beträchtlicher Teil der weißrussischen Gesellschaft diese Sichtweise teilt. Dieses betrifft übrigens viele grundlegende Fragen, die im Buch angesprochen werden.
Man könnte meinen, dass die Verfasser des Lehrbuches viel Raum den folgenden Fragen widmen müssten: Inwieweit gefestigt ist der Gemeinschaftsgeist unter den Weißrussen (und wie gestaltet wurde dieses Problem in der UdSSR)? Kommt es zur Steigerung des Wohlstandes der Gesellschaft (verglichen mit dem Jahr 1991 und im Verhältnis zu anderen postsozialistischen Ländern)? Stärkt sich die politische Unabhängigkeit des Landes und seine internationale Stellung? Diese Fragen werden leider nicht beantwortet oder man gibt unergiebige bzw. lediglich partielle Antworten. Die im Buch enthaltenen Ideen tragen zum Aufbau des nationalen Weißrussland nicht bei. Ein solches Weißrussland würde sich nämlich von Russland distanzieren. Man hat hingegen den Eindruck, dass viele Autoren bei der Verfassung der Texte eher das russische als das weißrussische Interesse im Sinn hatten.
Als Zusammenfassung dieses Textes kann man feststellen, dass man im besprochenen Lehrbuch eine Ideologie zu bauen versuchte, die als Ersetzung der alten marxistisch-leninistischen Ideologie dienen könnte. Im Buch stellte man eine Vision dar, die das gesamte Leben der weißrussischen Gesellschaft interpretieren sollte. Die Idee mutet eindeutig sowjetisch an und bedeutet das Streben danach, der Gesellschaft eine Ideologie (ein System von Werten und Haltungen) aufzuzwingen. Dies bedeutet einen Aufbau einer gesellschaftlichen Ordnung „von oben“ und nicht „von unten“, eine Unterordnung der Menschen der Regierung, ihre Vergegenständlichung. Die im Buch präsentierte Ideologie ist kaum als kohärent zu nennen. Wir haben hier eher mit einer Reihe von Ideen und mit wertenden – nicht selten tendenziösen – Interpretationen einzelner Ausschnitte der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun. Es ist weniger ein Lehrbuch der Ideologie des weißrussischen Staates als ideell-eklektische Vision, die der Gesellschaft ein System von Haltungen aufzwingen will, die den Regierenden gegenüber konform sind. Trotzdem das Lehrbuch in gewissen Abschnitten eine gewisse Ladung theoretischen bzw. faktographischen Wissens enthält, präsentiert es als Ganzes eine anachronistische Vision einer Gesellschaft, die ihr Sowjetisch-Sein nicht eindeutig verlassen kann – sie kann sich nicht von einem Wertesystem trennen, das an eine Vision der Welt anknüpft, die sich nicht bewährte; der sich auf diese Vision stützende Staat ist zusammengebrochen, weil er den Wettbewerb nicht bestehen konnte. Sogar die Russen (zumindest zum Teil) versuchen daraus Schlüsse zu ziehen, indem sie ihren nationalen Gemeinschaftsgeist ausbauen (manchmal in extremen Formen allerdings).
Nicht ohne Bedeutung ist ebenfalls der Umstand, dass die im Buch dargestellte Vision eine zu schwache emotionale Ladung besitzt, als dass sie einen verbindenden Charakter haben und als Grundlage des weißrussischen Gemeinschaftsgeistes dienen könnte. In den Ländern Mittel- und Westeuropas stützt sich der Gemeinschaftsgeist auf die nationale Identität, die als Grundlage behandelt wird, die im demokratischen System einen Aufbau bürgerlicher Gesellschaft ermöglichen kann. Unter den Bedingungen eines ideellen Pluralismus gibt es weder den Bedarf noch die Möglichkeit, eine staatliche Ideologie zu bauen, die in ihrem Charakter homogen ist und der Gesellschaft von oben aufgezwungen wird. Diesen Typ der Ideologie ist allerdings für totalitär regierte Gesellschaften charakteristisch (möglich ist er auch in den autoritären Systemen). Eine andere Frage bleibt, inwieweit die auf die Staatsform und auf die Ideologie bezogenen Ideen, die man in Weißrussland seit Jahren verwirklicht, (zumindest partiell) in Russland nachgeahmt werden, dem Land ihres kulturellen Ursprungs.
Aus dem Polnischen von:
Wieńczysław A. Niemirowski (Lublin)
Ryszard Radzik, Soziologe, Professor an der Maria-Curie-Skłodowska-Universität in Lublin. Er ist Autor u. a. folgender Bücher: Między zbiorowością etniczną a wspólnotą narodową. Białorusini na tle przemian narodowych w Europie Środkowo-Wschodniej XIX stulecia (UMCS-Verlag, Lublin 2000), Kim są Białorusini? (Verlag Adam Marszałek, Toruń 2002 und 2003); Áåëàðóñû (Ïîãëÿä Ç Ïîëüø÷û) („Ýíöûêëàïåäûêñ”, ̳íñê 2002). Er untersucht die nationalen Prozesse in Mittelosteuropa im XIX. und XX. Jahrhundert, insbesondere auf den ehemaligen Ostgebieten der Polnischen Republik (heute Weißrussland und Ukraine).
STRESZCZENIE
Na wiosnę 2004 roku ukazał się w Mińsku w języku rosyjskim podręcznik dla szkół wyższych zatytułowany „Podstawy ideologii państwa białoruskiego”. Przedmiot o takim tytule został wprowadzony jako obowiązkowy na wszystkich białoruskich uczelniach. Dwadzieścia tekstów składających się na obszerne dzieło wielu autorów zostało poddane w powyższym artykule analizie przez Ryszarda Radzika. W podręczniku omówiono przejawy aktywności białoruskiego społeczeństwa w różnych jego aspektach: politycznym, gospodarczym, kulturalnym, socjalnym. Okazało się, iż książka posiada bardzo wyraźny wymiar indoktrynujący. Jest nie tyle nastawiona na wytłumaczenie młodzieży białoruskiej czym jest białoruski interes narodowy (państwowy), ile na wpojenie jej wartości i postaw o wyraźnym rodowodzie sowieckim. Historia Białorusi traktowana jest wybiórczo i tendencyjnie. Silnie eksponowane są związki Białorusinów z Rosją, aprobowane działania zmierzające do łączenia się Białorusi ze swym wschodnim sąsiadem. Do BSRS autorzy tekstów odnoszą się na ogół z sympatią. O powszechnym zniewoleniu (totalitaryzmie), setkach tysięcy ofiar i powszechnej, przymusowej rusyfikacji nie ma ani słowa. Rosja w przeszłości, jak i obecnie, przedstawiana jest prawie wyłącznie w korzystnym świetle, natomiast z Zachodu – nie uwzględniającego specyfiki Białorusi, a także Rosji – płynie wiele zła.
Autorzy podręcznika ulegli presji realiów politycznych jakie ich otaczają. Polityka prezydenta Łukaszenki oceniana jest jednoznacznie aprobatywnie. Nie wydaje się, by wizja białoruskiej państwowości zaprezentowana w pracy – mimo obszernych opisów zasad funkcjonowania białoruskich instytucji państwowych – posiadała na tyle silny ładunek emocjonalny, by mieć realny charakter więziotwórczy i tworzyć białoruską wspólnotowość, dotychczas dość słabą ze względu na niski stopień unarodowienia Białorusinów. Podręcznik jest zmarnowaną okazją wzmocnienia procesów desowietyzacji społeczeństwa białoruskiego i budowy jego nowoczesnych struktur i obywatelskiej świadomości jednostek.
1. Îñíîâû èäåîëîãèè áåëîðóññêîãî ãîñóäàðñòâà. Ó÷åáíîå ïîñîáèå äëÿ âóçîâ, Ìèíñê 2004, 491 S.
2. Vgl. R. Radzik, Kim są Białorusini, Toruń 2002, S. 96 f.
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Sokrates
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