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Die weißrussische Familie Pawlowska im polnischen Zaluki
Ulrike Fischer
Ein Schnapsglas macht die Runde. Auch Walentina Pawlowska nippt am Selbstgebrannten, der im Nachgeschmack eindeutig die Birnen verrät, aus denen er gemacht ist. Mit der rechten Hand reicht die 74-Jährige das Getränk weiter, greift einen Plastikbecher mit süßem Brombeersaft, trinkt einen großen Schluck daraus und schiebt ein Stück Brot mit Speck und Sülzwurst hinterher. Ihre Linke umschließt während dessen immer noch ihr Kopfband mit den roten und schwarzen Ornamenten. Sie will es nicht aus der Hand legen, als könnte das dicht bestickte Tuch eine Verbindung schaffen zu ihrem Auftritt mit dem Folklore-Chor „Kalina“: Vor zehn Minuten noch hat Walentina mit 14 Frauen und zwei Männern in Trachtenkleidern auf der Bühne gestanden und weißrussische Volkslieder vorgetragen. Für rund 500 Gäste haben sie gesungen beim Festival des weißrussischen Liedes „Belarusskaja pesnja“. Fast jeder Platz war besetzt im Saal des Klubhauses „Garnisonowa“ am Rand von Białystok, der Hauptstadt der Wojewodschaft Podlaskie, ganz weit im Osten Polens.
„Wir müssen anstoßen“, fordert Walentina die Umstehenden in der sanften Melodie des hier heimischen weißrussischen Dialektes auf. Die weichen Zischlaute und das tief im Rachen rollende „R“ purzeln lebhaft zwischen ihren schmalen Lippen mit den unzählbar vielen Falten hervor. Alle Mitglieder des Chors reden im Gang zur Garderobe durcheinander. Die Älteste von ihnen ist 76, die Jüngste 40 Jahre alt. Schnapsglas, Saft und Brot wandern durch die Hände der Volkssänger aus Zaluki, aus jenem 800-Seelen-Ort zwischen Białystok und der weißrussischen Grenze, in dem Walentina aufgewachsen und alt geworden ist. Sie warten, bis alle 22 Ensembles ihre Vorführung beendet haben. Eine knappe Stunde später verliest die Jury das Ergebnis: In der Kategorie „Klassischer Chor“ geht Platz Drei an Zaluki. Mit dem Lied „Wischnowij sad“, einer Hommage an den Kirschgarten, hat sich „Kalina“ die Teilnahme am Wojewodschafts-Kontest gesichert.
Nun schälen sich die Damen langsam aus ihren langen Röcken, deren bunter Saum bis zum Boden reicht. Im provisorischen Umkleideraum streifen sie Hemden und Pullover über, Spitzenschürzen und Rüschenblusen verschwinden im Gepäck. Walentina hat alle diese Kleider selbst entworfen, geschneidert und bestickt. Auch das Motiv hat sie sich ausgedacht. Es ist den Farben und Mustern nachempfunden, die seit Jahrhunderten Haustüren, Fensterläden und Pfosten zieren, die auf Tischdecken oder Tüchern in fast jedem weißrussischen Haus zu finden sind. Häuser, wie es sie in dieser Region so viele gibt.
Müde aber zufrieden versammeln sich die „Kalina“-Sänger mit roten Wangen um einen altersschwachen hellblauen Reisebus. Das Fahrzeug wird sie aus der 300.000-Einwohner-Stadt hinaus fahren und zurück nach Zaluki bringen. Einzig das jüngste Mitglied im Chor, Walentinas Tochter Grażyna Danesh, und deren 16-jährige Tochter Sarah verabschieden sich und fahren mit ihrem weißen Kombi zur nächsten Tankstelle. Grażyna hält an einer Zapfsäule etwas abseits, dort, wo sie umweltfreundlich flüssiges Autogas tanken kann. „Fast 500 Euro hat der Umbau gekostet“, sagt sie und erklärt fachmännisch das neue Tanksystem des Familienautos: „Wenn der Motor heiß genug ist, schaltet er automatisch auf Gasbetrieb um.“ Das spart Geld und bringt außerdem noch Punkte auf ihrer Kundenkarte.
Nach wenigen Minuten ist der Gastank im Kofferraum voll. Grażyna kauft noch etwas Gebäck und will dann schnell nach Hause, ihr Mann und die beiden Söhne warten. Ihr Jüngster, Daniel, ist gerade mal sechs Jahre alt und kommt in wenigen Wochen in eine Vorschulklasse. Den 14-jährigen Darius ruft die Familie jetzt schon „Professor“, nicht zuletzt, weil ihn der dicke Rand seiner schwarzen Brille so seriös ausschauen läßt. Wie Sarah geht er auf ein Gymnasium. Damit die Kinder nicht so lange Schulwege haben, sind die Daneshs vor einem Jahr aus Zaluki weggezogen.
„Das Leben in der Stadt gefällt uns nicht“, sagt Grażyna, während sie das Auto durch ein Viertel mit neuen Plattenbauten lenkt. Fußweg und Straße sind gepflegt, der Eingang zu ihrem Fünfgeschosser sauber. Eine Nachbarin begleitet Mutter und Tochter schwatzend die Treppe hinauf, an ihrer Wohnungstür in der dritten Etage endet das Gespräch. „Die Nachbarn wissen nicht, dass ich Weißrussin bin. Das ist auch egal!“, sagt Grażyna schnell. Dass ihr Mann aus dem Iran stammt und seine acht Geschwister in Spanien, der Schweiz und in Kuwait leben, das wissen alle. „Die Mehrheit hält uns für gute Leute, wir haben keine Probleme mit den Nachbarn.“
Es gibt aber einige, denen sind Weißrussen unangenehm. „Bei vielen Leuten heißt es: Wenn du orthodox bist, dann bist du schlecht“, bedauert Grażyna. Sie erinnert sich an jene Szene, als eine Kollegin in ihrem Büro über eine Kundin schimpfte: „Kein Wunder, sie ist ja eine Orthodoxe!“. Als sie erfuhr, dass auch Grażyna orthodox ist, sei sie fassungslos gewesen. „Sie wollte einfach nicht wahr haben, dass auch wir normale Menschen sind.“ Die meisten Weißrussen kennen das und bemühen sich daher, ihre Herkunft zu verstecken, meint Grażyna. „Sie meiden alle Probleme, das ist typisch für die Stadt.“ In ihrem Heimatdorf gibt es das nicht.
Grażyna hat viel in Geschichtsbüchern gelesen und nie richtig verstanden, warum viele Weißrussen ihre Wurzeln leugnen. Dabei leben ihre Vorfahren seit Menschengedenken hier in dieser flachen Landschaft mit den dichten Wäldern und den vielen Seen. Im Großfürstentum Litauen war ihre Sprache fast 200 Jahre offizielle Verwaltungssprache. Zwischen Warschau und Minsk, von Vilnius bis Kiew wurden auf Belarussisch Gesetze verfasst und Chroniken geschrieben. Es wurde belarussisch gedichtet, gereimt und sogar das Neue Testament wurde in diese ostslawische Sprache übersetzt. Erst als sich 1569 Litauen mit dem Königreich Polen zusammenschloss, wuchs die Rolle des Polnischen. In der Rzeczpospolita, dem neuen Staat auf der politischen Landkarte Europas, redete die belarussische Stadtbevölkerung nun immer häufiger polnisch. Ihre einst blühende Schrifttradition ging endgültig zu Ende, als der Warschauer Reichstag 1696 das Belarussische in der Öffentlichkeit verbot. Heute steht die Sprache auf der Roten Liste der Unesco: Sie ist vom Aussterben bedroht.
Doch Grażynas Weißrussisch ist nicht jenes, das sie in Büchern liest oder in der Schule gelernt hat. Ihr Dialekt ist gefärbt von einem Mix aus Klein-Litauisch, Polnisch und Belarussisch, ab und zu verirrt sich eine ukrainische Vokabel ins Gespräch. „Jedermann hört, dass ich von hier bin“, sagt sie. Die Weißrussen in der Region Podlaskie nennen ihre Sprache „swoja mowa“, unsere Sprache, kurz Swoja genannt. Sie ist hier eine der drei aktiven Sprachen, existiert allerdings nur in gesprochener Form. Swoja ist die eigentliche Muttersprache der polnischen Belarussen. Mit ihr ist Grażyna aufgewachsen.
Das Sprachgewirr ist komplett, wenn Daniel, Darius und Sarah in den Ferien durch das Haus ihrer Großeltern tollen: Auf Swoja stellt Oma Fragen, die Kinder antworten auf Polnisch. Walentinas Polnisch reicht für den Markt in Białystok, für den Verkauf von Brot, Milch und Kartoffeln. Mehr braucht sie nicht. Im Dorf reden alle Swoja, auch Grażyna und ihre ehemaligen Schulfreunde. Ihre Kinder sprechen nur Polnisch. „Sie sind es so gewöhnt“, rechtfertigt Grażyna. „Doch je älter sie werden, umso stärker empfinden sie sich als Belarussen.“ Mehr und mehr verwenden sie weißrussische Vokabeln. Schon der Jüngste überrascht immer wieder mit ein paar aufgeschnappten Brocken. Für Sarah und den Professor ist klar: Sie werden Belarussisch lernen. Babtja Walentina nimmt es daher hin, dass ihre Enkel nicht alles verstehen. Sie erfreut sich vielmehr an deren Appetit auf ihre warmen ofenfrischen Kartoffelküchlein, die sie in Sonnenblumenöl gebraten und dick mit Zucker bestreut hat.
Die katholischen Polen definieren die Belarussen hauptsächlich über ihren Glauben. Es gilt die Faustregel: Polen sind katholisch, Weißrussen orthodox. Und wirklich fallen die rund hundert orthodoxen Glaubensgemeinschaften auf, obwohl sie statistisch kaum ins Gewicht fallen. Dass sie sich nach Ende des Sozialismus so schnell vermehrt haben, macht viele Polen misstrauisch. Bedenken haben sie vor allem vor dem Einfluss aus dem Osten. Grażyna ist stolz, dass ihre Kirche unabhängig ist: „Nicht so, wie viele Ukrainer, die dem Moskauer Patriarchen unterstehen.“ Manchmal am Sonntag nimmt sie ihre Kinder mit zum Gottesdienst. Dass sie getauft sind, findet ihr Mann Mohammed gut. Selbst hat er für seinen muslimischen Glauben wenig Energie und geht weder zu seinen Glaubensbrüdern noch in die Moschee von Białystok.
Es gibt aber auch viele katholische Belarussen in der Region. Sie sprechen Weißrussisch, wollen aber keine Weißrussen sein. Grażyna hält das für ein Paradoxon: „Sie sind ihrer Kirche so eng verbunden, dass sie sich nicht mehr als Weißrussen fühlen“. Misstrauen und Konkurrenz der Religionen haben historische Wurzeln: Ende des 16. Jahrhunderts sollten auf dem Territorium der Rzeczpospolita beide Kirchen vereint werden. Die Orthodoxen erkannten sogar die Oberhoheit des Römischen Papstes und die katholischen Lehrsätze an. Ihre Riten und Strukturen behielten sie aber bei. Selbst zur Zeit des Sozialismus gab es orthodoxe Gottesdienste, erinnert sich Grażyna. Die Katholiken hatten mehr Rechte, obwohl es den Glauben offiziell weder in der Schule noch auf der Straße gab. Dennoch, so streng wie in Russland, Bulgarien oder in der DDR waren die Beschränkungen in Polen nie, vergleicht sie.
Den Kontrast kennt sie aus den 80er Jahren. Da hat sie in Bulgarien Landwirtschaft studiert. Direkt im Zentrum der historischen Stadt Plowdiw lagen ihr Agrar-Institut und das Studentenwohnheim. Mit jungen Leuten aus dem Ostblock hat sie Seminare und Feste besucht, hier hat sie Mohammed kennen gelernt und Sarah zur Welt gebracht. Grażyna spricht melancholisch von dieser Zeit. Gern würde sie dort wieder hin, am besten für immer. Fliehen möchte sie vor dem frostigen Winter in Białystok, der das flache Land noch bis in den März hinein erstarren lässt und der die Tannen in den dichten Wäldern von Podlaskie mit einer dicken Schicht aus Schnee zudeckt. Sie würden sich dort Arbeit suchen und könnten frei im warmen Klima leben, sagt sie mit scheuem Blick auf ihren Mann und den Sechsjährigen.
„Erstmal müssen wir die Wohnung abzahlen“, schiebt Mohammed die gemeinsamen Träume mit ruhiger Stimme beiseite. Grażyna lächelt unsicher, als müsse sie sich nach diesem Ausflug über ihre intime Grenze neu orientieren. Unterdessen erklärt ihr Mann die Finanzlage der Polen: Im ganzen Land haben drei Millionen keine Arbeit, in Podlaskie ist es jeder Fünfte. Viele fahren nach Deutschland und arbeiten auf dem Bau. Das Geld schicken sie zurück nach Hause. „Wenn man hier arbeitet, bekommt man nicht viel Lohn“, erklärt er. Es gibt zu wenig Dienstleistungsbetriebe, Industrie fehlt ganz. Bei 250 bis 300 Euro liegt das mittlere Einkommen. Viele bringen weniger nach Hause. Die schwache Industrie und der karge Boden geben einfach nicht mehr her, beschreibt Mohammed die Situation.
Vor einem Jahr haben sich Mohammed und Grażyna ihre Vier-Zimmer-Wohnung gekauft. Zur Miete zu wohnen ist in Polen nicht üblich. Früher haben Familien ihre Wohnungen billig vom Staat bekommen. Für viele entpuppt sich das heute als Gelddruckmaschine und Grażyna und Mohammed müssen die hohen Preise auf dem Immobilienmarkt hinnehmen. Monat für Monat gehen 200 Euro an die Bank, für Strom, Gas und Telefon müssen sie noch mal 100 Euro vom Familienbudget abzweigen. „Verglichen mit unserem Lohn ist das viel“, sagt Grażyna. Und dann sind ja auch noch die teuren Lebensmittel, täglich Käse und Wurst sind manchmal unerschwinglich.
Es ist wirklich schwer im neuen Polen, meint sie und hofft, dass es der Jugend mal besser geht. Besonders hier spürt sie Perspektivlosigkeit. Die jungen Leute melden sich an den 16 Hochschulen der Stadt an, weil es keine Jobs gibt. „Sie studieren, damit sie wenigstens etwas zu tun haben.“ Die jungen Polen kämpfen um wenige gebührenfreie Studienplätze. Doch für Fächer mit beruflicher Perspektive müssen sie schon jetzt viel berappen. Und so gibt es für alle Generationen Grund zur Klage.
Dass es den Leuten in der Region schlecht geht, bekommt Grażyna nicht nur privat zu spüren. Vor gut einem Jahr hat sie mit ihrem Mann ein Geschäft für Agrarprodukte aufgemacht. Sie handeln mit Ersatzteilen für Traktoren und Landwirtschaftsmaschinen, mit Dünger und Saatgut, mit Folien und Öl. „Wir verdienen wenig“, zuckt Grażyna mit den Achseln. „Nur die Unkrautmittel verkaufen sich gut.“ Das Geschäft läuft schlecht, weil die meisten Farmer kein Geld haben. Sie kaufen nur, was wirklich nötig ist.
Mohammed ist vor Jahren schon auf Landwirtschaft umgeschwenkt. Er hat in Bulgarien Zahntechnik studiert, in seinem Beruf gearbeitet hat er nie. In Zaluki hat er Swoja gelernt. Mittlerweile bedient er alle Kunden im Laden auf Polnisch. Zu Hause sprechen die Daneshs schon lange kein Bulgarisch mehr. Während Mohammed im Laden steht, fährt Grazyina zu den Bauern, um direkt auf den Höfen ihre Ware anzubieten. Auf Weißrussisch reden die Leute mit ihr über Geldnöte und Zukunftsängste. „Die Leute hier waren schon immer weißrussisch. Polen ist unser Land, unsere Nation ist weißrussisch.“
Diese Rechnung ging auf in einer Zeit, als niemand nach der Nationalität fragte. Viele Jahrzehnte hat niemand wissen wollen, wer Pole, Weißrusse oder Ukrainer ist. Erst die Volkszählung 2002 brachte einen Riss durch die Region und teilweise durch ganze Familien. „Auf einmal mussten wir uns entscheiden: Weißrusse oder Pole“, erklärt Grażyna. Im Fragebogen wurde sie nach ihrer Nationalität gefragt und nach der Sprache, die sie zu Hause spricht.
Laut Zensus bilden nun 50.000 Weißrussen die drittgrößte Minderheit in Polen, nach den Deutschen und den Litauern, vor Ukrainern und Roma. Weißrussische Organisationen schätzen die wirkliche Zahl zehnmal höher. Auch Untersuchungen der polnischen Regierung kommen eher diesem Ergebnis nahe. Allerdings hat sich bei der Volkszählung nur jeder fünfte Orthodoxe zur belarussischen Herkunft bekannt. „Sie haben einfach nicht nachgedacht, wer sie sind“, bedauert Grażyna. „In ihrem Bewusstsein ist das verloren gegangen.“ Hinzu kommt die versteckte Diskriminierung: „Was machst Du hier? Geh zurück nach Weißrussland!“. Doch wozu, wenn unsere Vorfahren seit Generationen hier leben, fragt Grażyna verständnislos.
Die Volksbefragung diente hauptsächlich als Basis für ein neues Gesetz zur Anerkennung ethnischer Minderheiten. Über zehn Jahre haben die Parlamentarier im Sejm gestritten, so lange, wie über kein anderes Gesetz zuvor. Nun ist es vom Parlament verabschiedet und von Präsident Aleksander Kwasniewski im Januar 2005 ratifiziert. Seitdem dürfen Orte, in denen sich 20 Prozent der Bewohner zur Minderheit bekennen, zweisprachige Orts- und Straßenschilder aufstellen. Die Bürger sollen auf den Ämtern in ihrer Muttersprache Papiere ausfüllen und von Beamten Rat einholen können.
„Das Gesetz war überfällig“, erklärt der Sejm-Abgeordnete Eugeniusz Czykwin, Chefredakteur der Zeitschrift „Przeglad Prawoslawny“ (Orthodoxe Rundschau) und Vizeministers für Innere Angelegenheiten und Verwaltung. Als einziger Weißrusse im polnischen Parlament streitet er seit Jahren für sein Volk. Im ungeheizten Kinosaal des „Belorusskij Musej“, dem Heimatmuseum von Hajnowka redet der Linksdemokrat über Ausgrenzung und Ungleichheit. Er ist zu Besuch gekommen an den Rand der Beloweshskaja Puszta, dem letzten Stück europäischen Urwalds. Hier, in seiner Heimat, redet er auf Swoja. „Wir werden in der Region Białystok diskriminiert“, sagt Czykwin offen und behauptet: „In einigen Betrieben wurde bei einer Entlassungswelle nur Weißrussen gekündigt.“ Dennoch fordert er Umsicht im Umgang mit den polnischen Nachbarn. „Wir dürfen uns keinen Nationalismus vorwerfen lassen.“
Vor allem die älteren Zuhörer sind nicht zufrieden. „Sie erinnern sich, dass ihre Leute umgebracht wurden, weil sie Weißrussen und Orthodoxe waren“, erklärt Bazyl Sakowski, Sprachlehrer am Belarussischen Gymnasium in Hajnowka. Seine Schule ist nur einen Steinwurf vom Museum entfernt. Sie ist eine der über hundert Schulen mit Weißrussisch als Unterrichtssprache in der Region. Früher hat er hier in einer Holzbaracke unterrichtet. Seit 1993 büffeln seine Schüler in einem modernen Gebäude für ihre Hochschulreife oder toben sich in der großen Sporthalle aus. Die von weiter her kommen, wohnen im neuen Internat. Die Qualität der Ausbildung ist gut, vier Stunden Belarussisch und eine Stunde Literatur stehen jede Woche auf dem Lehrplan. Die meisten Eltern sind Arbeiter oder einfache Angestellte, erklärt Bazyl Sakowski. Er befürchtet, dass dieses Schema bald ökonomischen Zwängen weichen wird. Der 67-Jährige kennt alle Absolventen der letzten 35 Jahre. Er ist sich sicher, dass das Minderheitengesetz vor allem der Jugend hilft. Sie fühlt sich damit ernst genommen. Denn über junge Leute schreiben und sprechen die Medien, erklärt der Vater von zwei erwachsenen Töchtern und vierfache Opa. „Je größer die Aufmerksamkeit umso mehr Rechte. Je mehr Rechte wir haben, umso sicherer fühlen wir uns.“
Für Jerzy Chmielewski, Chefredakteur der Monatsschrift „Czasopis“, hat das neue Gesetz nur symbolischen Wert. Er fürchtet, dass die Kommunen nur Fragmente daraus übernehmen. Dennoch: Zwölf Landräte werden sich nun mit den Bewohnern ihrer Kreise beraten müssen und Jerzy Chmielewski hofft, dass sich die Leute wieder mit ihrer Kultur identifizieren. „Wenn auch langsam, sie erkennen an, dass sie Belarussen sind.“ Dieses Bewusstsein hat die politisch gespaltene Gesellschaft dringend nötig: Dort der russifizierte Staat von Diktator Lukaschenko, hier die voranschreitende Polonisierung. „Es geht um unsere Kultur. Die Menschen beherrschen ihre Muttersprache, aber sie schämen sich für sie.“ Juri hat dafür wenig Verständnis. Als Schriftsteller und Journalist zählt er sich zur Elite der Nation und ist überzeugt, dass ihr Erbe in Polen überlebt. Für ihn ist der Erhalt von Schrift und Sprache im Moment die wichtigste Aufgabe der „Intelligenzija“.
Hilfe kommt dabei von den Medien: Im Radio läuft ein orthodoxes Programm und seit gut zehn Jahren strahlt der dritte Kanal am Sonntagmorgen die Sendung „Sami pro sebje“ (Wir über uns) aus. Hier berichten Journalisten eine halbe Stunde aus der Region, senden Reportagen über Dorfschulen, die geschlossen werden sollen oder debattieren über Strassen, die neu gebaut werden müssen. Grażyna sieht diese Sendung selten. Sie wird viel zu früh ausgestrahlt, gibt sie zu. „Ich vergesse sie oder schlafe einfach lange.“ Irgendwann in der Woche gibt es eine Wiederholung, aber da ist sie sowieso noch unterwegs. Ansonsten dudelt bei den Graneshs polnischer Rundfunk und über den Bildschirm toben amerikanische Zeichentrickfiguren in polnischer Synchronisation.
Eine wichtige Kämpferin für Swoja ist „Niwa“. In großen kyrillischen Buchstaben prangt der Name der Zeitung groß auf der Titelseite. Seit 1956 berichtet das Wochenblatt auf zwölf Seiten über belarussische Belange. Immer wieder druckt sie Texte auf Swoja, ruft Literatur- und Gedichtswettbewerbe ins Leben. Die kleine Redaktion liegt im Zentrum von Białystok, in einer Straße, die nach Ludwik Zamenhof benannt ist, dem Erfinder des Esperantos. Elf Mitarbeiter arbeiten hier im Erdgeschoss eines sanierten Altbaus. Eine von ihnen ist Mira Luksza. „Wir schreiben nur Belarussisch“, sagt sie. „Prinzipiell!“ Traditionelle Ausnahme ist das weißrussisch-polnische Kreuzworträtsel auf der letzen Seite. „Ohne unsere Zeitung wäre die Sprache bestimmt nicht mehr da.“ Davon ist Mira überzeugt.
An der gekalkten Wand hinter ihr hängt eine Karte der Belarussischen SSR, der Weißrussischen Sowjetrepublik. Doch das bedeutet nichts, denn weder der Sozialismus noch das System Lukaschenko gefallen der Redakteurin für Politik und Landwirtschaft. Das sei bei „Niwa“ schon immer so gewesen: Es gab eine Zeit, da war die Zeitung eine Firma der kommunistischen Partei mit einem Arbeiterkollektiv als Herausgeber. Alles stand unter Obhut der Zensurbehörde in Warschau. Aber in Białystok saß Georgi Kaminski. Über 30 Jahre war er Chefredakteur. „Er hat Themen ins Blatt gebracht, die es in keiner anderen Zeitung im Land zu lesen gab“, erzählt Mira. Besonders in den 80er Jahren drängten kritische Themen ins Blatt. „Noch heute blickt Warschau misstrauisch auf uns, weil wir nicht Polnisch schreiben“, meint sie. Dabei ist „Niwa“ ein demokratisches Blatt. Sein Chefredakteur Eugen Wapa ist zugleich Vorsitzender des Weißrussischen Verbandes. Unter diesem Dach vereinen sich Studentenklubs, Geschichtskreise, Literaturzirkel und auch die Belarussische Demokratische Partei. Sie sind die verhassten Konkurrenten der Belarussischen Kulturgesellschaft, der einzigen weißrussischen Vereinigung, die es schon im sozialistischen Polen gab. „Sie denken, sie sind die einzige wirkliche Interessenvertretung“, lacht Mira und nennt die ehemaligen Parteikader „Betonköpfe einer anderen Generation“. Die ehemalige Massenorganisation vereint heute nur noch, „Lukaschisten“, sagt sie und meint damit die Unterstützer des Machthabers im Nachbarland.
Denen missfällt vor allem, dass „Niwa“ nicht nur über Polen schreibt. „Belarus ist enorm sowjetifiziert und russifiziert“, erklärt Mira. Schon Stalin hat mit seinen Säuberungen besonders unter der Intelligenz gewütet. Das Blatt berichtet darüber. Redakteure durchkämmen Archive und sammeln Beweise für ihre Geschichten. Es werden Namen und Biografien veröffentlicht und Geschichten von Augenzeugen gedruckt. Als Lukaschenko das letzte weißrussische Lyzeum in Minsk schließen ließ und der Europäischen Humanitären Universität die Lizenz entzogen hat, erschienen in „Niwa“ diese Themen auf Seite Eins. „Wir drucken kein Material der Opposition, wir berichten nur die Wahrheit über das Leben in Belarus.“ Deshalb gibt es immer wieder Probleme an der Grenze: Oft lassen die Zöllner den Lieferwagen nicht passieren, dem Chefredakteur stellt das Konsulat kein Visum aus.
Da tut es nichts zur Sache, dass die neue „Miss Belarussia“ im Bikini großformatig die letzte Seite ziert oder dass der Regisseur des Kriegsfilms „Okkupatija“ der Minsker Studios „Belarusfilm“ ausführlich interviewt wird. Auch so etwas interessiert die Leser von „Niwa“, die verstreut sind in der ganzen Welt. Sie stehen symbolisch für die Zerrissenheit der Nation: Hitler hatte die Belarussen in seiner wahnsinnigen Rassentheorie als das „höchste“ slawische Volk eingestuft. Ein Erkennungszeichen wie das auf die Kleider genähte P der Polen oder der gelbe Stern der Juden entfiel für sie. Tausende konnten so nach England fliehen und weiter. „Belarussen gibt es überall auf der Welt. Ihre Kinder sprechen Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch. Ihnen schicken wir unsere Zeitung“, erzählt Mira. Dennoch schreibt „Niwa“ hauptsächlich für und über die Belarussen in Polen. Daher sind Walentina Pawlowska und Grażyna Danesh in der Redaktion keine Unbekannten. Häufig fährt Mira aufs Land und besonders gern besucht sie Zaluki. „Diese Frau vereint das ganze Dorf“, bewundert sie Walentina.
„Mama war schon immer sehr engagiert“, erzählt Schwiegertochter Ewa. „Sie hat Kochkurse gegeben, Exkursionen gemacht und einen Tauschring gegründet.“ Zu Hochzeiten und Beerdigungen borgen sich die Nachbarn seitdem Geschirr oder Wäsche aus. Auch der Chor war ihre Idee. Von seinen einst sechs Mitgliedern ist das Ensemble in vier Jahren auf 20 angewachsen. Früher kam dazu keine Unterstützung vom Staat. „Heute geben sie sogar Geld aus, damit wir unsere Lieder singen“, schüttelt Walentina den Kopf.
Viktor Leonkiewicz, ein Pole aus Białystok, wird von der Gemeinde dafür bezahlt, dass er zwei Mal pro Woche nach Zaluki kommt und mit dem Chor probt. Im Eingangsportal des Schulgebäudes warten dann meist schon ein paar Mädchen auf ihn. Viktor packt im geräumigen Flur des Flachbaus sein Weltmeister-Akkordeon aus. Die Mädchen setzen sich auf eine Bank und kichern verlegen. Zum Lockerwerden singen sie die Dur-Tonleiter rauf und runter. Ein paar Jungs aus dem Dorf drücken sich neugierig an der Tür herum, bis sie nach und nach auf aufgetürmten Stühlen und gestapelten Tischen einen günstigen Beobachterposten einnehmen. Immer wieder unterbricht Viktor Leonkiewicz, wenn der Einsatz nicht stimmt oder eine Stimme allzu schief klingt. Er lässt einzelne Passagen wiederholen oder gleich noch mal die Durtonleiter singen. „Uwaga!“ heißt es danach knapp und alle stimmen in Takt und Melodie ein, die sein Instrument vorgibt.
Mittlerweile haben sich im Raum auch Zuschauer älterer Jahrgänge versammelt. Die Probe vom „kleinen“ Chor „Kalinka“ mit dem verniedlichenden „k“ im Wortlaut ist vorbei. Die Mädchen gesellen sich zu den Jungs. Nun stellen sich die Erwachsenen von „Kalina“ in Reih und Glied vor der Bank auf. Sie repetieren wie die Jungen, nur dass die Bässe der beiden Männer dem Gesamtwerk eine grummelnde Tiefe verleihen. Die Männer und Frauen sind hier zur Schule gegangen. „Wir waren 150 Schüler“, erinnert sich Grażyna an ihren ersten Schultag im September 1972. Jetzt lernen hier nur noch 46 Kinder. Davon kommen zehn aus den Nachbardörfern. Selbst aus ihrer Klasse sind nur eine Freundin und zwei Jungs im Dorf geblieben. Die anderen sind in die Stadt gezogen, der Arbeit hinterher und den besseren Lebensbedingungen. „Den Leuten hier bleiben nur der Wald mit seinen Pilzen und Beeren, die Landwirtschaft oder die Rente.“ Einige Frauen arbeiten in der Schule oder verkaufen Seife, Öl und Brot im kleinen Laden am anderen Ende der langen Dorfstraße.
Dabei ist Zaluki eines der wenigen Dörfer, wo überhaupt noch junge Leute leben. Im letzten Jahr gab es drei Geburten, vier Hochzeiten und sogar zwei junge Paare, die neu zugezogen sind. Über ein Eigenheim im Dorf haben die Daneshs auch schon nachgedacht. Vor zwei Jahren noch haben sie hier bei den Eltern gewohnt. Doch mit der Zeit wurde die kleine Hütte zu eng und der Trubel für die beiden Alten zu groß. Zu siebt haben sie gewohnt in vier kleinen Zimmern, drei Generationen unter einem Dach. Nun sind Walentina und Jan wieder allein in dem Häuschen mit der Nummer Zwei, ganz am Ende der drei Kilometer langen ungepflasterten Straße, die sich durchs Dorf schlängelt und an der sich 88 Häuser aufreihen. Nur ein Haus steht noch weiter: Das haben sich Grażynas ältester Bruder Viktor und seine Frau Ewa vor wenigen Jahren gebaut.
Ewa sitzt im Wohnzimmer ihres modernen Hauses. Zwischen Einbauküche und gefliestem Bad erinnert nichts daran, dass ihre Nachbarn auf ein Plumpsklosett neben dem Schweinestall verschwinden. Ewa ist wegen Viktor nach Zaluki gekommen. Beide gingen auf die Landwirtschaftsschule in Białystok, doch richtig gefunkt hat es erst in den Masuren. „Dort in Preussen“, sagt Ewa, wenn sie von Olstyn spricht, „dort haben wir geheiratet.“ Das war 1985. Als Paar sind sie zurückgekommen, da war schon Tochter Anitschka unterwegs. Seitdem lebt Ewa hier. „Ich bin keine Weißrussin“, behauptet sie leicht trotzig. In ihrem Dorf, rund 40 Kilometer von Zaluki, ist Weißrussisch eine „nischestowaja mova“, eine leblose Sprache. Ewa spricht sie wie eine Fremdsprache. Schwer fällt es ihr nicht, denn als Russischlehrerin in der Dorfschule hat sie täglich damit zu tun.
Auch Walentina ist nicht in Zaluki geboren. Erst nach dem Krieg kam sie her, weil Banden ihr Heimatdorf geplündert und das Elternhaus angezündet hatten. Zaluki wurde ihre neue Heimat. Hier hat sie den sechs Jahre älteren Jan kennen gelernt, sie haben geheiratet und drei Kinder groß gezogen. Alle Verwandte leben hier, nur der Bruder ihres Großvaters wohnt in Belarus. Er ist im Krieg geflüchtet und dort geblieben. „Hier verlief die Front“, erzählt Walentina. Zaluki liegt an jener Straße, auf der schon Napoleon seine Truppen nach Moskau schickte. Und später Hitler. Beide kamen geschlagen auf dem Rückweg wieder vorbei. Sie hinterließen eine Brandspur, von mal zu mal unbarmherziger. Jeder vierte Weißrusse hat im Zweiten Weltkrieg sein Leben gelassen. „Es ging hin und her, erst kamen die Deutschen, dann die Sowjets, dann wieder die Deutschen“, erzählt Walentina. Bis die Rote Armee am 20. Juli 1944 Białystok befreit hat.
An die deutschen Truppen erinnern sich noch einige im Dorf. Die Geschichten werden wieder und wieder erzählt und die Jungen kennen sie gut. Von 1941 an war hier eine deutsche Gendarmerie. „Scheißpolizei“, klaubt Viktor lachend ein paar Brocken Deutsch hervor. Solche Kommisariate gab es in jedem Dorf. Die Kavallerie hat jeden auf der Straße mitgenommen. „Zack, weg waren sie“, knallt Viktor in die Hände. Lidia Filiptshuk war 12 Jahre, als die deutschen Soldaten ins Dorf kamen. „Alles war still“, erinnert sie sich. Niemand ist auf die Straße gegangen, die Fenster wurden mit Holz dicht gemacht. „Wir haben hinter den Fenstern gesessen und leise „Katjuscha“ gesungen.“ Sofort zitiert sie die ersten Zeilen des Liedes, in dem es um Liebe zu einem Soldaten und zur Heimat geht. „Die Deutschen haben Katjuscha nicht gemocht. So hieß ein Granatwerfer, die Stalin-Orgel“, erklärt Viktor „Katjuscha hat sie in die Flucht geschlagen“, lacht er laut.
„Es gab gute und böse Deutsche“, sagt Lidia und hat gleich ein Beispiel parat: Die Frauen von Zaluki blieben im Dorf, die Männer lebten im Wald bei den Partisanen. Im Schutz der Dunkelheit kamen sie nach Hause, bei Razzien flüchteten sie aus dem Fenster. Den Besatzern blieb das nicht verborgen. Als sie eines Tages erwischt wurden, sagte die Patrouille: „Jemand anders hätte jetzt das ganze Dorf niedergebrannt“, drehte sich um und ging. Aber dann erzählt Lidia von dem alten Mann, den sie mitten in der Nacht in Unterhosen auf die Straße gezerrt und auf der Stelle erschossen haben. Angeblich sei er bei den Partisanen gewesen. „Doch die hier, im Dorf, die waren gut“, betont sie nochmal. Die haben bei Hochzeiten mit den jungen Mädchen getanzt und Taufen mitgefeiert. „Besonders mit den Kindern haben sie sich verstanden.“ Und so lebten die Leute von Zaluki seit jeher wie „eine Nuss zwischen den Zangen eines Nussknackers“. So beschreibt es Sokrat Janovich, der 85-jährige Philosoph aus dem Nachbarort, der der belarussischen Kultur sein Schaffen widmet.
Aber die gastfreundlichen Weißrussen lassen sich nicht alles gefallen. Daher haben sich Jan und Walentina auch der Kollektivierung widersetzt. Nach dem Krieg ließ die Partei im sozialistischen Staat keine Privatwirtschaft zu. Doch Jan wollte in kein Kollektiv eintreten. „Mein Vater hatte sein eigenes Land. Die Kolchose kam nicht in Frage“, erzählt Grażyna. Es gab genug Arbeit für Jan und Walentina. Es reichte zum Leben, was übrig blieb, wurde verkauft. Im Dorf hatte jeder ein Stück Land. Dennoch haben viele sechs Kilometer entfernt in den Schweineställen und auf den Feldern der Kooperative gearbeitet. Für sie gab es regelmäßig Kindergeld und einen günstigen Urlaubsplatz. „Meine Eltern mussten ihren Urlaub selbst zahlen“, erzählt Grażyna. Wer nicht im staatlichen Betrieb gearbeitet hat, bekam weder Vergünstigungen noch eine Rente. Allein die medizinische Versorgung war für alle kostenlos.
Auch Wasser, Gas und Licht waren nicht selbstverständlich. Für den Anschluss an das allgemeine Versorgungssystem brauchte man eine Erlaubnis. Die gab es nur über Beziehungen und ständig kamen neue Probleme hinzu. Trotz aller Hürden haben die Eltern 1980 einen Stall aus Stein gebaut. Er steht gleich hinter dem Haus und ist viermal größer als ihr hölzernes Heim. Für den Neubau haben sie einen Kredit aufgenommen. Das war 1978. Danach wurde alles einfacher. Ihre Wirtschaft war im Dorf immer die Beste. Jan hatte als erster ein Auto, einen Traktor, die meisten Kühe.
Jetzt steht der Stall leer. Die Eltern sind alt. Die Kräfte reichen nur noch für ihre fünf Schweine und auch das Feld bestellen sie immer seltener. Stall, Land und Vieh haben sie dem Bruder überschrieben. Aber der wollte sich nicht mit dem Hof beschäftigen. Auch seine Frau hatte nicht viel für die 22 Rinder übrig. „Als sie ihm alles überlassen haben, war das ziemlich ertragreich“, erinnert sie sich. Doch Viktor hat Arbeit in der Kooperative gefunden, Ewa wurde Lehrerin in der Schule gegenüber. „Es blieb keine Zeit für die Hauswirtschaft.“ Sie bedauert das. „Aber das ist seine Entscheidung“, meint Grażyna. Als sie aus Bulgarien zurückkam, war schon alles anders. Dem Vater ist nur noch der Traktor geblieben. „Fast nichts ist übrig von dem, was mal war.“
Doch Viktor denkt, dass er im neuen Polen mit einem herkömmlichen Hof keine Chance hat: „Der europäische Hofherr arbeitet, um zu verkaufen. Nicht, um selbst zu verbrauchen. Nur so kann er überleben“, schätzt er die Lage der Bauern ein. „Jetzt gibt es praktisch keine Nachfrage und keine normalen Preise“. Das Getreide vom Feld hinterm Haus werden sie nicht los. Die Makarronifabrik von Białystok kauft lieber ausländischen Weizen, der EU-Normen entspricht. Genau so die Milch: Die Kühe brauchen gutes Futter, um hohen Fettanteil zu geben. Aber Kraftfutter ist teuer und Kühlschränke für die Hygiene haben sie nicht. In der Kooperative sechs Kilometer weiter blöken derweil 60 Kühe. Alle haben andere Besitzer und jede hat einen Gesundheits-Pass. Sogar die Kälber bekommen vom Tierarzt ein Zeichen verpasst. Die Milch geht an eine Molkerei, die fest auf dem Milchmarkt etabliert ist und eine Export-Genehmigung für EU-Länder hat. Mit ihr hat die Kooperative jüngst einen Vertrag geschlossen.
Zaluki wurde erst 1985 an das Busnetz angeschlossen, bis dahin mussten alle drei Kilometer zur Haltestelle durch den Wald laufen. Die Region, durch die der Bus zuckelt, sieht auf der Landkarte aus wie ein Flickenteppich. Über die Hälfte der Gemeinde Grodek ist mit Wald bedeckt. Hier im Forstwald Knyszyn leben 6500 Menschen verteilt auf 40 Siedlungen. Hauptstadt dieses dicht bewachsenen Naturparks ist Grodek, oder besser Garadok, der weißrussische Name für die kleine Provinzhauptstadt. Hier sitzt Grażyna als Abgeordnete für Zaluki und vier Nachbardörfer im Gemeindetag. „Eigentlich hab ich keine Zeit für diese Arbeit“, sagt sie. Viel lieber wäre sie bei ihrem Mann und den Kindern. Doch sie nimmt ihre Aufgabe ernst, denn schließlich wurde sie gewählt. „Warum gerade ich?“, fragt sie und antwortet gleich selbst: „Wohl weil ich im Ausland studiert habe.“ Trotz aller Sorgen mit ihrem Geschäft wollte sie ihre Leute nicht enttäuschen und hat den Posten angenommen.
Das jüngste Problem konnte sie zugunsten ihrer Wähler lösen: Momentan fließt in Zaluki das gebrauchte Trinkwasser in Klärgruben. Jeder Hof hat solch ein Becken, zwei Mal im Monat kommen Tankwagen und pumpt es aus. Doch die EU-Vorschriften fordern von den Gemeinden eine umweltgerechte Abwasserentsorgung. Die 15 Abgeordneten haben lange gerechnet, Alternativen diskutiert und immer wieder die Dorfbewohner gefragt. Grażyna hat sich für Zalkuki stark gemacht. Das Dorf bekommt nun einen Bio-Filter statt des teuren Anschlusses an die Kanalisation der Kreisstadt. „Auf jeden Fall wird es für alle billiger und ökologisch ist es dazu“, freut sich Schwägerin Ewa. „Wenigsten etwas, was die EU uns Gutes bringt“, schickt sie mit einem Seufzer hinterher.
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