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ANNUS ALBARUTHENICUS/ÃÎÄ ÁÅËÀÐÓÑʲ ÍÀ ÑÒÀÐÎÍÊÀÕ ÊÀÌÓͲÊÀÒÓ

 
 ANNUS ALBARUTHENICUS/ÃÎÄ ÁÅËÀÐÓÑʲ N* 7 / 2006 ã. 

Ein sowjetisches Mitteleuropa

Felix Ackerman

Grodno klingt sowjetisch. Die Trolleybusse rattern hier, zwanzig Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, wie überall in der ehemaligen Sowjetunion. Die Jugendlichen spielen im Park die gleichen russischen Lieder, wie die Rocker in Moskau, Kasan oder Novosibirsk. Lenin weist auch hier noch stumm vom Sockel den rechten Weg. Im Radio schallen die demagogischen Ansprachen des autoritären Herrschers. Die weißrussische Stadt spricht russisch. Doch der Klang trügt. Traut man seinen Augen, erblickt man eine alte mitteleuropäische Stadt. Die von den Jesuiten errichteten Barockkirche, die Türme der einst unierten orthodoxen und katholischen Klöster, die reich verzierte Fassade der Synagoge und der schlichte Eklektizismus der evangelische Kirche sprechen für sich. Die dicht mit zweistöckigen Bürgerhäusern bebauten Straßenzüge aus dem 19. Jahrhundert sind keine Illusion. Die Schlösser der polnischen Könige und litauischen Großfürsten wurden oft zerstört, doch der Burgberg liegt bis heute mit seinen Ruinen idyllisch über dem Ufer der Memel. Die Spuren der Vergangenheit bilden keinen Kontrast zur neuen Stadt, die sich nach dem Großen Krieg um den Kern der alten Stadt legte. Sie gehen ineinander über. Das von August dem Starken errichtete Rokoko-Schloss wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als stalinistische Parteizentrale neu errichtet. Im Senatssaal, in dem einst die zweite Teilung Polens vom Sejm der Adelsrepublik schweigend hingenommen wurde, prangen von der Decke Hammer und Sichel. Über dem Eingangstor erinnern noch zwei steinerne Sphinxe an die sächsischen Architekten. Verläßt man die Innenstadt mit dem Trolleybuss, fährt man durch Siedlungen alter Holzhäuser, in denen es bis heute kein fließendes Wasser, wohl aber Strom und Gas gibt. Dann gelangt man schnell in die Neubaugebiete, große Plattenbausiedlungen mit Kindergärten, Schulen und Kaufhallen — Wohnraum ist hier begehrter als in den Holzhütten. Sieht man genauer hin, verlieren sich die großen Siedlungen nicht in Monotonie. Nicht nur die Farben der Fassaden und die Formen der Balkone sind verschieden. In der Anonymität der Hochhäusern steht über manchen Türen steht K+B+M 2004 geschrieben, über anderen nicht. Am Rand der Stadt erscheint unerwartet eine neue Schule der polnischen Minderheit mit dazugehöriger Kirche. So ist in der post-sowjetischen Wirklichkeit der Stadt auf Schritt und Tritt ein Hauch Mitteleuropa zu spüren. Und hört man genau hin, mischt sich zwischen das einheitliche Russisch im Alltag ein Singsang aus Polnisch, Weißrussisch und dem, was man hier „trasianka” nennt, die Sprache der Hiesigen.

Ein weißrussisches Drama

Die Ränge des Grodnoer Theaters sind dicht gefüllt, die Jugendstilbrüstungen schimmern in mattem Gold. Auf der Bühne eine Karte von Weißrussland. Grodno liegt ganz im Nordwesten. Die Hiesigen, ein Lustspiel von Janka Kupala in drei Akten, schallt es aus den Lautsprechern. Die jungen Zuschauer wissen wovon die Rede ist. Sie sind nicht zum ersten Mal hier. Einige sehen das Stück des Nationaldichters zum dritten mal, andere zum siebenten. Doch bevor es losgeht, tritt eine Ansagerin vor die Bühne und erklärt dem Publikum auf Weißrussisch, dass das Stück in der Sowjetunion verboten war, und nun schon im dreizehnten Jahr der Unabhängigkeit der Republik Belarus gespielt wird. Der Vorhang geht auf und vor der Silhouette einer provinziellen Stadt treten fröhlich animierte Puppen auf den Plan. Weißrussische Bauern, Lehrer, Adelige, Proletarier und Spekulanten während des 1. Weltkriegs. Es folgt ein aberwitziges Hin- und Her. Der Abzug der kaiserlichen Truppen, der Einmarsch der Roten Armee, der Einritt der polnischen Husaren und die Rückkehr der Bolschewiki. Die Hiesigen wissen, was zu tun ist, wenn die Machthaber wechseln. Portraits von Marx und Lenin stehen schon bereit, während noch Ikonen die Wände schmücken. Und wenn es mal andersherum kommt — was ein Hiesiger ist, weiß was zu tun ist. Unter den Puppenspielern ist Igor Szolkiewicz, ein hochgewachsener, fröhlicher Mann mit kahlem Kopf und großen Augen. Er ist müde von den Hiesigen nach so vielen Jahren. Aber er spielt weiter, weil sie das Schicksal seines Landes auf den Punkt bringen. Dabei weiß er selbst nicht genau, ob er nun Weißrusse, Pole oder Jude ist — er ist wohl einer von den Hiesigen. Die Lieder, die er zur Gitarre spielt, werden hier wie drüben in Polen gesungen, von Polen wie Weißrussen. In Kupalas Stück spielt er später einen polnischen Wissenschaftler, der eifrig nachweist, dass die Weißrussen ganz sicher verirrte Polen sind, die selbstverständlich einen polnischen Dialekt sprechen. Sein Gegenpart mimt den russischen Gelehrten, der ähnliches zu vermelden hat: die Weißrussen als ur-russischer Stamm im großen Russischen Reich. Die Zuschauer lachen über jede Regung der beiden, alle scheinen die drei Sprachen zu verstehen. Und nach den fröhlichen Eskapaden der Miniaturweißrussen vor 90 Jahren, klingt der Abend harmonisch aus — als hätte sich Janka Kupalas Vision der verlorenen Nation heute nicht erfüllt. Doch nach einigen Minuten strömen die Jugendlichen Zuschauer zurück von der Garderobe in den Saal, als würden sie noch etwas erwarten. Sie wollen Igor Sholkiewicz zuhören, rufen ihn auf die Bühne. Er fordert sie auf Weißrussisch auf, nachzudenken, was dran ist an dem Klassiker. Man müsse doch wissen, wer man sei! Und die eigene Sprache sprechen. Dabei brauche man sich nicht zu schämen, im Westen sei auch nicht alles Gold. Und ganz nebenbei meint er: ja und wer soll dafür sorgen, dass sich hierzulande etwas ändert, wenn nicht ihr? Oder wollt Ihr etwa wie Eure Eltern immer den Arm heben, wenn man es von Euch verlangt?

Akkordarbeit im Zug

Für Mitia ist Grodno eine Grenzstadt. Und die Grenze beginnt direkt im Bahnhof. Hinter einer Glastür liegt die Halle des Zolls. Mitia legt die leeren Reisetaschen lächelnd auf die Holzbänke, die Uniformierten winken ihn durch. Die weißrussischen Grenzsoldaten kennen ihn, Stempel für Stempel füllen sie seinen Pass. Vor dem Duty-Free-Shop werden die Taschen mit Zigaretten und Alkohol gefüllt. Draußen wartet bereits ein organge-farbener Vorortzug, die Hiesigen nennen ihn Schmuggler. Er fährt nur 25 Kilometer bis zur polnischen Grenzstation Kuznicam, also ist Eile geboten. Die Zigaretten müssen aus den Stangen genommen werden, bei jeder werden einzeln die Ecken abgerundet, dann beginnt das Verstauen. Einige werden mit Packetband zusammengeklebt und in dunkle Strumpfhosen gesteckt. Der ganze Zug ist in gleichmäßige, konzentrierte Unruhe verfallen. Überall wird gepackt, gedrückt, gezupft. Die Frauen verstauen die Ware unter ihren BHs, Zigarettenpäckchen verschwinden auch bei Männern in Hosenbeinen, am Bauch, im Schritt. Jeder hat einen dicken Mantel an. Männer schrauben das, was von der Verkleidung des Zuges geblieben ist, auf und verstecken die dunklen Zigarettenpakete hinter der doppelten Wand. Andere verschwinden unter den Heizungen, unter dem Boden, über der Decke. Jeder weiß genau, wo was zu verstauen ist, jeder Handgriff sitzt. Während die anderen noch hektisch versuchen, eine Flasche Vodka „Stolypin” gegen ein paar Päckchen Zigaretten „Winston Red” zu tauschen, sitzt Mitia bereits entspannt mit seinen Freunden zusammen. Natalia und Sergiej haben heute frei, also machen sie den Ausflug mit. Sonst fährt Mitia allein. Während er erzählt, dass immer die gleichen Leute im Zug fahren und jeder jeden kennt, holt Natalia ein gebratenes Huhn, etwas Brot und eine Flasche Wodka aus einer Plastiktüte. Es fährt ein Drahtzieher im Zug, der überwacht, dass jeder seine Bestellungen durchbringt. Das Huhn ist noch warm, der Wodka wird mit Orangensaft nachgespült, der in Deutschland abgefüllt und über Polen nach Weißrussland verschafft wurde. Draußen taut der Schnee, der Zug fährt auf der eingleisigen Strecke vorbei an den Anlagen, an denen früher die Achsen der Fernzüge gewechselt wurden. Hier führte die Strecke von Warschau über Wilna nach St. Petersburg durch. Hier machten wenige Zentimeter Unterschied im Gleisbett die Grenze zwischen West- und Osteuropa aus. Doch dieser Unterschied ist nicht mehr von Belang, die Anlagen sind längst verrottet. Die internationalen Züge fahren nicht mehr durch Grodno. Mit dem Transitvisum ist es für Ausländer zu teuer, durch Belarus zu reisen, und die Schmuggler nehmen mit der Zeit jeden Zug auseinander. So schleicht der orangene Zug jeden Tag, mit dreißig, vierzig Kilometern pro Stunde über das Gleisbett — hin und wieder zurück. An der Grenze springen weißrussische Soldaten aus dem Triebwagen. Die Flasche Wodka ist bereits geleert, Mitia und seine Kollegen bereiten sich auf den großen Moment vor, der längst Alltag geworden ist. Der Moment der Wahrheit vor dem zeitweiligen letzten Gericht des polnischen Zolls. Der kennt seine Pappenheimer, läßt sie aber gewähren, wenn sie sich nur geschickt angestellt haben. Es sei denn er hat schlechte Laune. Aber die Schmuggler wissen schon vor der Abfahrt, in welcher Laune das letzte Gericht ist — entsprechend kaufen sie die Vorräte ein. Am Bahnhof in Kuznica wieder hektisches Treiben. Es gilt die Ware hinter dem Rücken der Bahnpolizei möglichst schnell an polnische Händler loszuwerden. Mitia meint, die Polizei hier sei faul — sie verdiene zu gut. So ist er Zigaretten und Wodka bald los. Der Verdienst beträgt einige Euro. In einer Stunde fährt der Zug zurück, bis dahin müssen noch die Formalitäten für die Einreise geklärt werden. Im Bahnhof tauchen Frauen mit übergroßen Plastiktaschen auf. Darin Jeans, Mobiltelefone, Handtücher, Wurst — alles was in Weißrussand teuer ist. Nach der polnischen Kontrolle auf dem Bahnsteig, wird die Ware im Zug verteilt. Doch zuvor müssen schnell die restlichen Zigaretten aus den Verstecken geholt werden, jetzt zählt jede Minute, jetzt wird der eigentliche Gewinn erwirtschaftet. Akkordarbeiter am Arbeitsplatz. Die Päckchen werden nacheinander in große Reisetaschen geworfen und als der Bahnhof außer Sichtweite ist, nur ein Kilometer vor der Grenze reißen zwei Männer die Tür auf und ein weiterer holt Schwung und wirft die Tasche weit über die Rangiergleise. Nun beginnt im Zug ein reger Tauschhandel. Von der Lieferung Jeans nimmt jeder zwei, höchstens drei Paar. Im Laufe der Fahrt werden es doch vier, was solls. Die Mobiltelefone werden offiziell eingeführt, jeder zwei Stück. Und so vergeht die Fahrt wieder schnell. Das Huhn ist aufgegessen, die Gesellschaft in Ausflugsstimmung. Da kommt schon ein strenger weißrussischer Grenzsoldat durch den Waggon. Am Bahnhof in Grodno der Wettlauf der Ratten — wer zu erst in der Schlange vor der Halle des Zolls steht, kommt am schnellsten nach Hause. Mitia fährt in einer Stunde wieder zurück nach Kuznica — wie jeden Tag.

Unter der Oberfläche

Im Café Kuferak kann man englischen Tee und italienischen Kaffee bestellen, die Stammgäste trinken moldavischen Wein und russischen Wodka. Aus den Lautsprechern dringt weißrussische Musik in das Kellergewölbe, eine Mischung aus Folk, Rock und Pop. Die Sängerin Wika ist auch hier. Sie hat heute Geburtstag, also gönnt sie sich ein Gläschen mehr. Heiter fragt sie: was macht der Fremde dort in der Ecke? Wo kommst Du her, was schreibst Du da? Du bist doch bestimmt ein Jude! Ich erkläre ihr, dass ich meine Notizen auf deutsch verfasse und mich für die Geschichte der Stadt interessiere — warum gerade ein Jude? Sie setzt sich schwankend an meinen Tisch und beginnt zu erzählen: Weißt Du, ich arbeite hier um die Ecke im Restaurant Bialystok. Und da laufe ich jeden Tag nach Hause, immer den gleichen Weg vorbei am Stadion. Doch eines Tages, es hatte gerade geregnet, kam mir in unserer Siedlung ein Mädchen entgegen. Sie hatte in der Hand einen Stock, doch das war kein Ast, das war ein Knochen, ein menschlicher Knochen. Ich bin vor Schreck beinah im Boden versunken. An den nächsten Tagen holten die Leute überall Schädel und Gebeine aus dem Bauschutt, der bei uns vor dem Haus in einer Kuhle abgeladen wurde. Stell Dir vor — die haben am Stadion gebaut, dort wo früher der jüdische Friedhof war. Und die haben einfach den Sand vor unser Haus gekippt. Ich habe dann meinen Kumpel angerufen, von der Zeitung, wenn Du willst, kann ich ihn gleich herholen — er kann Dir alles genau erklären. Eine viertel Stunde später kommt tatsächlich Andrej Ordlianicki vorbei, ein Journalist der lokalen Wochenzeitung „Dien”, der einzigen, die auf Weißrussisch erscheint. Ein ruhiger, fülliger Typ, der es bevorzugt, bescheiden zu leben, sich aber nicht von einer staatlichen Redaktion bevormunden zu lassen. Er bestellt einen Tee und erzählt vom altem Grodno, dass vor dem Krieg fünfzigtausend Einwohner zählte, dreißigtausend davon Juden. Im Winter 1941 wurden sie in zwei Gettos gepfercht. Nach und nach wurden diese liquidiert — die Züge der Gefangenen führten ins Lager Kielbasino, von dort nach Treblinka und Auschwitz. Im Frühjahr 1943 ließ der Gestapo-Offizier Kurt Wiese Grodno für „judenfrei” erklären. Von den zweihundert Überlebenden, die nach dem Krieg aus den Wäldern, aus ihren Verstecke bei den Bauern der Umgebung und aus dem Inneren der Sowjetunion zurückkehrten, reisten fast alle über Polen nach Israel und in die USA aus. Als 1963 der große jüdische Friedhof einem Sportstadion weichen sollte, war nicht nur niemand da, der hätte protestieren können, es war auch gefährlich, die Vorkriegszeit überhaupt zu erwähnen. Die jüdische Stadt war untergegangen. Nur die verfallenden Synagogen erinnerten an eine reiche, alte Gemeinde. Nun dienten sie als Sportsäle, Lagerräume, Wohnheime und Werkstätten. Als Wika anrief, ging Ordlianicki der Sache nach — tatsächlich sollte das Stadion erweitert werden. Der Präsident läßt überall im Lande Eispaläste und andere Objekte zur Ertüchtigung seines Volkes errichten. Dabei wurden Teile des alten jüdischen Friedhofs von Grodno, die zuvor bereits eingeebnet wurden, erneut Erdarbeiten ausgesetzt. Von Minsk aus, wo Ordlianicki für die unabhängige „Narodnaja Wolia” einen Text verfasste, drang die Nachricht in die Welt. Währenddessen kämpfte die Grodnoer jüdische Gemeinde im Stillen für ein Ende der Bauarbeiten und die Umbettung der Gebeine aus dem Wohngebiet auf den jüdischen Friedhof am anderen Ufer der Memel. Währenddessen tuschelte die ganze Stadt, dass in einem nahen Kindergarten Meningitis ausgebrochen sei — der Virus halte sich bis zu achtzig Jahren. Warum der jüdische Friedhof einst so größer war als das ganze Stadion und warum heute nur eine Hand voll Juden in Grodno leben, wurde in den Artikeln der Stadtzeitungen nicht erwähnt. Die Spuren der Geschichte treten an die Oberfläche, aber die Verbindung zu ihr bleibt unterbrochen. Zum Jahrestag der Liquidation des Gettos ruft selbst die jüdische Gemeinde nicht zum öffentlichen Gedenken auf — zu schwach und verletzlich fühlen sich die Mitglieder. Ordlianicki fand bei seinen Recherchen heraus, dass die Erdarbeiten von einem streng gläubigen polnischen Katholiken geleitet wurden, der schon 1963 als Bauarbeiter am Stadion tätig war. Er wußte, wo die Grabstätten lagen. Doch von ihm kein Kommentar. Wika nimmt den Arm von Andrejs Schulter: ach Jungs, sagt mir Bescheid, wenn ihr über etwas Interessantes redet.

Geheime Abrüstung

Die Straßen der Neubausiedlung liegen im Dunkel, aus den Fenstern der Neun-Stöcker dringt Partymusik: russischer Pop. Auf der weiten Brache hinter den Blöcken spiegelt sich der Mond in einem Meer aus Pfützen. Am Horizont die Silhouette einer Schule — da muss es sein. Doch kein Geräusch, kein Lichtschein dringt aus dem Gebäude. Plötzlich tauchen im Hof Gestalten in sowjetischen Schutzanzügen auf. Sie weisen den Weg in die Tiefe. Eine Treppe führt in den Keller. Eintritt nur mit Flyer. Die Garderobe macht von ein Uhr bis sechs Pause. Hinter einer weiteren Tür bebt elektronische Musik. Ein Durchgang führt in einen langen Betonschlauch. Die Wände sind bedeckt mit hunderten fluoreszierenden Exit-Schildern. Sie weisen in alle Richtungen. Davor Tische, in der Ecke eine improvisierte Bar mit Tee, Bier in 1,5-Literflaschen und belegten Broten. Hinter einem durchsichtigen Plastikvorhang bilden Matratzen einen langen Gang. Hinter einer weiteren Plane die Tanzfläche, die Scheinwerfer bewegen sich im Takt. Der DJ sucht gemächlich nach Platten, hinter einer Wand aus Brettern ein roter Lichtschein. Dort stapeln sich alte Schulbänke, Reflektoren aus der Aula und kaputte Stühle. Auf der Rückwand des Kellers eine Landschaft in Tarnfarben, darauf sind in regelmäßigen Abständen Zielscheiben angebracht. Vor wenigen Jahren wurde hier noch scharf geschossen. Sergiej hat den Raum für seine Schüler entdeckt. Er gibt sonst Gitarrenunterricht und organisiert Schulfeste. Selbst spielt er in einer Rockband, aber warum nicht Techno, wenn es die Jugendlichen wollen, wenn es aus der Ödnis des Alltags reißt. Währenddessen treffen immer mehr Jünger von Sergiej ein, auf der Tanzfläche tauchen die Gestalten vom Hof auf, inzwischen im Matrosenlook. Andere haben sich in Hippiklamotten geworfen. Ein paar Punks sind dabei. Die meisten tanzen in engen Jeans und T-Shirt. Entspannt hopsen sie zum seriellen Rhythmus durch den Schießstand. Später gleiten sie erschöpft auf die Matratzen. Dort liegt Ania, rote Strumpfhosen, schwarzer Minirock, freche Frisur. Sie studiert im zweiten Jahr Russisch, das hat Zukunft, meint sie. Leben möchte sie heute und hier, aber nur zusammen mit DJ Nobel, der noch auflegen wird. Ihre einzige Sorge: der Typ hat nichts als Musik im Kopf, den ganzen Tag hängt er im Internet und sucht nach Platten aus Köln, Detroit und London. So steht sie später mit DJ Nobel und ihren Freunden im Rotlicht um eine Schulbank, darauf Wodka, Mineralwasser, Plastikbecher und Wurst. Dann reißt die Musik alle auf die Tanzfläche, alles beginnt sich zu drehen. Die Basslinien, das Schlagwerk, die Melodie. Langsam verdichtet sie sich zu rhythmischen Zuckungen, euphorische Schreie hallen durch den Raum. Am Ende eine sanfte Jazzmusik, das Zeichen zum Aufbruch. Draußen ist längst die Sonne aufgegangen, die Stadt ist bereits auf den Beinen. Manche kommen gerade von der Nachtschicht wieder, andere fahren zum Angeln. Die Tänzer wippen im Trolleybus im Takt der blitzenden Oberleitungen.

Überall Polen

Der grüne Transporter ist voll gefüllt mit Kisten: Süßigkeiten, ein Geschenk eines Warschauer Offiziers der Armia Krajowa, die hier während des Zweiten Weltkriegs für ein unabhängiges Polen gekämpft hatte. Jozef Porzecki, der Leiter der Kulturabteilung des Bundes der Polen in Weißrussland, macht sich auf den Weg zu Kindern polnischer Herkunft, die im Norden von Grodno an der litauischen Grenze leben: als Belohnung dafür, dass sie Polnisch lernen. Am Steuer ein Chauffeur, natürlich ein Pole, der sich bemüht, Polnisch zu sprechen, aber immer wieder ins Russische abgleitet. Hinten sitzt ein junger Fotograf, der eine halbe Stelle in der polnischen Zeitung hat. Er weiß schon was kommt: Gruppenfotos mit Kindern, Lehrern und den Aktivisten aus Grodno. Gelangweilt lehnt er sich zurück. Doch Jozef Porzecki ist guter Dinge, er freut sich auf die Fahrt. Nach einem halben Jahr Reisen durch ganz Weißrussland ist er etwas müde. So leben die Vertreter der polnischen Minderheit nicht nur im Westen des Landes, sie sind bis im Osten bis nach Mogiliov und Witebsk verstreut. Aber heute geht es nach Weronowo, die Gegend, die selbst laut sowjetischer Statistik zu achtzig Prozent Polnisch ist. Ein Fest. Hier überall war hier Polen vor dem Krieg. Und schon vorher: überall polnischer Adel auf seinen Landsitzen. Egal welcher Herkunft, schon im 17. Jahrhundert haben sie angefangen sich für Polen zu halten, erklärt Porzecki, der im polnischen Torun Geschichte studiert hat. Seine Magisterarbeit schrieb er über die kleine Ortschaft, aus der seine Familie stammt — er ist zu bescheiden, um zu verraten, dass es sich um das alte Geschlecht der Poczebut-Ordlianicki handelt. Porzecki ist nach dem Studium zurück gekommen und lebt mit seiner Familie in Grodno, der alten polnischen Stadt im verlorenen polnischen Osten. Die meisten Polen haben die nach Westen expandierte Weißrussische Sowjetrepublik direkt nach dem Krieg verlassen. Doch noch immer leben hier über vierhunderttausend Polen. Ihre Möglichkeiten, in das Vaterland vis-a-vis auszureisen sind begrenzt, die Jungen versuchen dort zu studieren. Zwei drittel kehrte nicht zurück. Die anderen verharren hier, wo die Protagonisten der romantischen polnischen Literatur lebten, hier wo Adam Mickiewicz wirkte. Seit 1991 widmen sie sich nach Jahrzehnten der Russifzierung der nationalen Wiedergeburt, in jeder einst polnischen Stadt gibt es ein Komitee, in manchen ein polnisches Haus, nur in zwei Städten eine polnische Schule — mehr hat die Nomenklatura des Präsdienten nicht zugelassen. Während Porzecki munter und voller Selbstbewusstsein erzählt, fahren wir an Waszkieliszki vorbei, das Dorf, in dem Czeslaw Niemen aufgewachsen ist. Der Musiker hieß eigentlich Wydrzycki und nannte sich erst nach der Umsiedlung nach Volkspolen Niemen — nach dem Fluß des verlorenen Ostens, der Memel. Manche Leute in Grodno kennen ihn noch aus Waszkieliszki, seine Konzerte in den 1970er Jahren sind legendär. Einige Kilometer weiter steigt Pan Piotr in den Transporter ein, ein rüstiger Herr, der hier nach dem Krieg aufgewachsen ist. Er erinnert sich noch, wie er Dutzende Kilometer zu Fuß zur Kirmes lief. Er weiß genau, in welchem Haus Polen und wo Litauer wohnen. Jedes Vorwerk, jeden Hof kennt er von damals. Seit dem hat sich nicht viel verändert. Nur die Alten sind gestorben, die Jungen sind in der Stadt. So stehen viele der farbigen Holzhütten zwischen den Feldern des Kolchos und den weiten Wäldern leer. Pan Piotr hat alles vom Telefon seiner Nachbarn aus vereinbart. Die Lehrerinnen wissen Bescheid. Polnisch ist hier nicht als Fremdsprache zugelassen, Englisch und Deutsch stehen auf dem Plan — man kann es nur fakultativ nach dem Unterricht lernen. So hängt alles von den Lehrerinnen ab. Unsicher empfängt uns die Direktorin einer Dorfschule in Osipowcy mit ihren zwei Lehrerinnen. Die fünfundzwanzig polnischen Kinder sitzen schon in den Bänken und tragen beim Erscheinen der Gäste aus der Stadt Gedichte und Lieder auf Polnisch vor: Eine Melodie, die jeden älteren Polen zu Tränen rührt: der Gesang der Kresy, der verlorenen Ostgebiete. Danach verteilt Jozef Porzecki Zellophanbeutel mit einer Packung Waffeln, einer Tafel Schokolade und ein paar dutzend Stücken Konfekt. Die Kinder sind aufgeregt. Der Fotograf macht ein Gruppenfoto. Pan Piotr hat es eilig — es stehen noch sechs Schulen bevor. Doch die Lehrerinnen lassen die Gäste nicht fahren, bevor sie nicht Tee getrunken und von den belegten Broten probiert haben. Das Gespräch dreht sich um die neue Hochschulzulassungsprüfung. Porzecki meint bestimmt: die Regierung braucht Leute, die in den Kolchosen arbeiten, so werden ihre Kinder keine Chance haben. Die Lehrerinnen wirken traurig, aber nicht resigniert. Der Abschied ist herzlich. Anders in einer Schule, die noch Polens Präsident Pilsudski zu Beginn der 1930er Jahre errichten lies. Die sowjetische Direktorin hat die Polnischkurse an sich gerissen und die Zahl der Schüler sank innerhalb von drei Jahren von achtzig auf neun. Weiter geht es in eine Kolchoseschule in Soltaniszki. Vor dem hundert Jahre alten Schulgebäude stehen die acht Schüler in Sonntagskleidern Spalier, die Lehrerin und ihr Mann, die im recht Teil des Holzhauses wohnen, sind ganz aufgeregt. Kinder, lest etwas vor, bitte strengt euch an. Die Lehrerin spricht selbst kaum Polnisch, die Kinder lesen verschämt aus einer Fibel. Der Fotograf bittet sie, die Bücher hoch zu halten — das sieht in der Zeitung besser aus. Die Zellophanbeutel werden verteilt und schon soll der Transport weitergehen. Doch die Lehrerin lädt um jeden Preis in ihr Wohnzimmer, die Delegation darf nicht fahren, bevor es etwas zu essen gab. Es ist eisig kalt im Raum. Auf dem Tisch Käse, Hering, Speck, Butter und eine große Schüssel dampfender Kartoffel — aus eigenem Anbau. Die Gastgeberin sucht aufgeregt nach einem Korkenzieher — sie hat für die Gäste Wein gekauft. Ihr Mann öffnet eine Flasche Wodka. Hinter verschlossener Tür schimpft die Lehrerin verzweifelt auf ihren Sohn ein — er bekommt die Flasche auch nicht auf. Letztlich trinken alle Wodka. Ach wissen sie, wir wissen gar nicht, was werden wird, erzählt die Lehrerin. Es werden immer weniger Schüler, bald werden wir sicher aufgelöst, aber Gott bewahre uns vor der Arbeitslosigkeit, das ist das wichtigste. Währenddessen holt ihr Mann polnische Postkarten aus der Zwischenkriegszeit hervor, die hat er auf dem Dachboden gefunden. Und schon spricht Jozef Porzecki seine Dankesworte, wünscht alles erdenklich Gute und der Transport geht weiter. Eine halbe Stunde später hält der Wagen auf einem Hügel, die Schule ist verschlossen, die Polnischlehrerin erkrankt. So läuft Porzecki ins Dorf, das sich in der Niederung nach rechts und links erstreckt. Weiter hinten ein Feld, in dessen Mitte ein Streifen. Die Grenze. Dahinter Litauen. Hier wird in wenigen Wochen die EU-Außengrenze verlaufen. Porzecki hat eine andere Lehrerin gefunden, sie öffnet das Gebäude, der Flur ist frisch gewischt, aber die Kinder sind längst zu Hause. So schickt sie ihre Kinder, um die polnischen Schüler zusammenzutrommeln. Während Porzecki und Pan Piotrek mit den Kartons warten, berichtet die Lehrerin: Drüben in Litauen haben wir noch vor zwei Jahren Pilze gesammelt. Die Hiesigen wussten genau, wo man über die Grenze gehen konnte, manche gingen sogar jeden Sonntag drüben in die Kirche. Doch nun wurde das Regime verschärft, es gibt einen Graben und die Patrouillen kommen jeden Tag ins Dorf, auch vor der Schule machen sie nicht Halt. Die Lehrerin ist selbst Polin, erzählt aber auf Russisch. Langsam treffen die Kinder aus dem langgezogenen Dorf ein. Neugierig quetschen sie sich in ihre Schulbänke, ein Programm mussten sie nicht vorbereiten. So läßt Porzecki einen ganzen Karton hier, für alle anderen polnischen Kinder, damit sie sich erinnern, dass sie Polen sind. Und sie sollen ihre Familie grüßen und stolz sein, dass sie Polen sind. Die Kinder lachen verschämt, holen sich ihren Beutel ab und rennen nach Hause.

In der Schule der Kreisstadt warten schon zweihundert Schüler in der Aula, die Lehrerin spricht fließend Polnisch, ihre Schützlinge haben ein Programm für die Gäste vorbereitet. Zuerst die Tanzgruppe, dann Gesang, Gedichte, wieder die Tanzgruppe. Und immer so weiter. Dann erklingen wieder die Grußworte von Jozef Porzecki: Weihnachten sei ja nun schon lange vorbei, aber vor der Fastenzeit hätte es der Weihnachtsmann zu den Kindern in Weronowo noch geschafft. Den Schülern in der zehnten und elften Klasse ist es schon etwas peinlich wegen der Süßigkeiten, aber sie nehmen sie gerne. Auf der Rückfahrt will Pan Piotr unbedingt noch in seine Hütte einladen, auf ein Glas Tee zumindest, doch Jozef Porzecki will nach Hause, der Fotograf ist müde und so fahren sie durch die Nacht zurück nach Grodno.

Scheiß Europa

Auf dem Sofa in der Küche mit Blick auf den großen Prospekt sitzt Sascha. Hinter dem Fenster zielt ein sowjetischer Panzer vom hohen Sockel nach Westen. Die junge Weißrussin lehnt da im lila Antifa-Shirt und raucht, die Wände strahlen lachsfarben, der Herd stammt aus den frühen 1950er Jahren, auf dem Tisch Tee, Bier und eine Flasche Rumcola. Hör zu, dieses scheiß Europa kann mir ein für alle mal gestohlen bleiben. Warum, verdammt noch mal, bin ich für den scheiß Staat nur ein scheiß Stück Papier, nichts als eine scheiß Passnummer? Die EU-Osterweiterung ist für Sascha eine Zumutung, Polen und Litauen rücken in weite Ferne, die Visa sind mit den neuen Bestimmungen teuer geworden. Zuvor fuhr sie mit ihren Freunden von der Grodnoer Antifa zu Punkkonzerten in den Westen, sie selbst sang in der Band Contra-la-Contra in Deutschland, Holland, Polen und anderswo. Jetzt bleibt ihr nur, hier in Grodno Konzerte zu organisieren. Aber wo? Es ist alles geschlossen. Die Stadt bevorzugt es, wenn die Jugendlichen zu Hause sitzen und saufen, meint sie lakonisch. Der einzige alternative Klub der Stadt ist längst geschlossen worden. Der Pionierpalast wurde von den Kindern des Hiphop übernommen. So wird das nächste Ska- und Reggaekonzert in der Kantine eines Großbetriebes stattfinden. Sascha hat alles versucht, sie hat in Grodno die Bewegung gegründet, die Szene auf die Nazis von der Russischen Nationalen Einheit angesetzt, die sich in Grodno bewegen, als befänden sie sich mitten im Russischen Reich. Und so sieht man überall in der Stadt das Anarcho-A, an Hauswänden werden Antifadistrikte markiert. Doch nach einer Weile wurde ihr klar — die Leute machen das aus Spaß, weil es angesagt ist, eine Modeerscheinung. Dabei geht es Sascha um mehr. Sie ist auf der Suche. So wie es in Weißrussland läuft, geht es auch nicht, aber was in Polen passiert, seit internationales Kapitals das Land überflutet, gefällt ihr gar nicht. Gerade die Bauern hinter der weißrussischen Grenze würden nur verlieren können. Dabei weiß sie um die katastrophale Lage der weißrussischen Kolchosen, sie hasst die Propaganda der Regierung, und sie erträgt nicht die Verlogenheit ihres Landes, in dem sozialistische Parolen ausgegeben werden, in dem man von einem staatlichen Gehalt aber nicht mal grundlegende Dinge kaufen kann, geschweige denn das Studium bezahlen. Doch die EU — das ist für sie das größere Übel — die Angst vor der Vereinheitlichung aller Kultur, das Diktat des Konsums, der Sicherheitswahn. In ihrem Zimmer hängt eine große Europakarte, am rechten Rand ist eine kleine Leiter angebracht. Daneben steht geschrieben: Notausstieg aus der EU. Doch im Moment überlegt sie selbst, wohin fliehen. Die Arbeit als Graphikerin in einer Grodnoer Druckerei ist monoton, vom Gehalt kann sie gerade ihren Lebensunterhalt bestreiten, nicht aber die Fahrten in den Westen. Die Bewegung ist gescheitert, ein Teil der Leute trinkt, der andere haben sich angepasst. Die belarussische Anarcho-Zeitung „Rasam” wollte niemand drucken, die illegale Presse der weißrussischen Opposition stand irgendwann nicht mehr zur Verfügung, inzwischen ist sie vom Staatsanwalt beschlagnahmt. Warum also hier bleiben? Sascha ist hier aufgewachsen, aber ihre Mutter lebt bei der Großmutter in Russland, der Vater ist gestorben. Warum nicht nach Polen gehen, in die Illegalität zu den Freunden im Westen — nein, das kommt doch nicht in Frage. St. Petersburg ist die Stadt ihrer Träume. Dort gibt es richtige Punks.

Im Namen Litauens

Adidasjacke, Jeans und eine Plastiktüte unter dem Arm: Janek durchschreitet seine Stadt mit langen, sicheren Schritten. Das Haar trägt er zum Zopf gebunden, der Schnurrbart wirkt altertümlich, seine Augen funkeln besessen. Folgt man ihm durch Grodno, scheint die Stadt ganz und gar weißrussisch zu sprechen. Überall trifft er Bekannte, mit denen er auf Weißrussisch Smaltalk hält. Die meisten von ihnen Studenten der Janka-Kupala-Universität, wo er gerade das Geschichtsstudium beendet hat. Zur Doktorarbeit wurde er nicht zugelassen — seine Ansichten sind unbequem für die Russophilen, wie für die Polonophilen und selbst für die weißrussischen Nationalisten unter den Akademikern. Aber Janek hat fest vor, seine Arbeit über die hiesigen Weißrussen und Polen zu schreiben. Die These: sie sind alle Licwiny — Litauer. Nicht im Sinne des litauischen Nationalstaats, sondern des alten Großfürstentums, das hier seinen Sitz hatte. Hatte nicht der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz in einer Ode an die Heimat geschrieben: Litauen, mein Vaterland? Und wie sprechen denn die Bauern in seinen Werken? Weißrussisch. Janek ist sich sicher, dass die Muttersprache der meisten Bauern im heutigen Westen Weißrusslands der örtliche Dialekt des Weißrussischen gewesen ist. Erst später wurden sie in der katholischen Kirche polonisiert und begannen fest zu glauben, sie seien Polen. Mit der nach dem Krieg einsetzenden Industrialisierung strömten die Bauern aus den umliegenden Dörfern in die Stadt. Daher heute die 25-prozentige polnische Minderheit. Er selbst hatte zu Beginn der 1990er Jahre begonnen, sich für einen Polen zu halten, die Sprache der imaginären Vorfahren zu lernen. Eines Tages fragte seine Eltern, warum sie sich für Polen hielten. Sie antworteten: weil wir Polnisch sprechen. Aber ihr sprecht nicht Polnisch, das ist Weißrussisch, erwiderte Janek. Seitdem spricht er nur noch Weißrussisch. Was ihm Kraft gibt für das Leben im post-sowjetischen Weißrussland, ist der katholische Glauben, in der polnisch dominierten Kirche werden auch Gottesdienste auf Weißrussisch abgehalten. Janeks Vision ist weniger das Projekt einer westweißrussischen Nation litauischer Prägung, sondern die Suche nach einer regionalen Identität fernab der Antagonismen zwischen Polentum und Russentum, Katholizismus und Orthodoxie. Doch die Wirklichkeit der weißrussischen Stadt sieht etwas anders aus. An der Bushaltestelle fragt er eine Frau nach Uhrzeit, sie fragt zurück, warum er nicht auf Russisch spreche. Weißrussen, die sich weigern Russisch zu sprechen, haben Schwierigkeiten, in einem staatlichen Unternehmen Arbeit zu finden. Janek selbst ist arbeitslos. Geld verdient er, indem er im Internet deutsche Feldpostkarten der Memelregion aus dem 1. und 2. Weltkrieg aufkauft und sie in Minsk und Wilna weiterverkauft. Bei den Transaktionen per Post geht oft das Geld oder die Ware verloren. Seine neuste Errungenschaft von Ebay ist ein Metallsuchgerät aus Deutschland, mit dem er im Frühling über der Felder hinter der Stadt laufen wird, in der Hoffnung Münzen, Krüge und anderes zu finden. Stieße er auf die Gebeine von Soldaten, würde er ein Kreuz aufstellen. Wie sein Vater vor zehn Jahren an einem Grab aus dem 1. Weltkrieg auf einem Feld hinter Grodno. Das Kreuz war bald verschwunden.

Die Hiesigen

Grodno ist trotz der dreihunderttausend Einwohner eine kleine Stadt geblieben. Janek und Sascha haben an der gleichen Fakultät studiert. Sergiej ist der Mann von Wika. Jozef Porzecki ist ein Verwandter von Andrej Ordlianicki. Mitia geht in die gleiche Kirche, in der Janek Ministrant war. Mit Sascha erschien gerade ein Interview in der Zeitung von Ordlianicki. Igor Szolkiewicz ist ein Freund von Sergiej. Ein bisschen sind sie alle Polen, und ein bisschen alle Weißrussen, sicher auch ein wenig sowjetische Menschen. Fast jeder spricht im Alltag drei Sprachen, so wie Szolkiewicz, der hier für jeden singt. Sie sind auf der Suche, nach ihrer Identität und nach einem würdigen Leben. Manchmal stehen sie dem Einbruch der autoritären Politik in den Alltag ohnmächtig gegenüber, oft verfluchen sie die Wirklichkeit einer russifizierten Stadt, aber noch haben sie die Idee einer freien Republik Belarus nicht aufgegeben. Mit ihnen liegt Grodno in Europa, auch nach der EU-Erweiterung.


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ÓÂÅÐÕ


   

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